Andrzej Stasiuk: Kurzes Buch über das Sterben

Andrzej Stasiuk Kurzes Buch über das SterbenAndrzej Stasiuk gehört zu den bedeutendsten polnischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Die Bücher des Meisters, der für seine melancholischen und präzisen Porträts untergehender Landschaften und der Peripherien unserer Gesellschaften bekannt ist, zeugten bisher immer von einer gewissen Ruhelosigkeit. Stasiuk war immer ein Reisender, ein Unruhiger auf der Suche. Nun hat er ein kleines Brevier veröffentlicht, das in die völlige Stille mündet, das sich nur mit einem Thema befasst: der letzten Ruhe. Mirko Schwanitz hat Andrzej Stasiuks „Kurzes Buch über das Sterben“ gelesen, hat mit dem Autor Orte der Handlung besucht.

 

Das hier war einmal ein Dorf. Geblieben sind nur die verwilderten Apfelbäume. 1945 siedelte man seine ukrainischen Bewohner mit dem Versprechen in die Sowjetunion aus, sie würden dort neue Häuser bekommen. In Wirklichkeit landeten viele in den Bergwerken Sibiriens. Die Verbliebenen zerstreute man 1947 in den Westen Polens.

 

Mit dem polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk sind wir auf dem Weg an einen der Orte, die er in seinen neuesten Erzählungen beschrieben hat.

Auf dem Grund des flachen Tals floss ein Bach. Wo einst Häuser waren, standen jetzt sechzigjährige Bäume. Wir hielten an, um uns umzusehen. Er wirkte ein bißchen verloren. Er trippelte herum, ging dann wieder schneller, hierhin, dorthin, gebeugt, als suchte er etwas. Als wären wir hier hierhergekommen, um einen Gegenstand wiederzufinden, der ihm abhandengekommen war.

Es ist das Leben, das den Figuren in Andrzej Stasiuks „Kurzem Buch über das Sterben“ abhandenkommt. Stasiuk sinniert in der ihm eigenen, melancholischen Sprache über das Sterben von Freunden. Dieses Verschwinden setzt er aus einem Mosaik von Erinnerungen und Beobachtungen zusammen, die in ein intensives Nachdenken darüber münden, wie wir heute mit dem Thema Tod umgehen. Bewegend, wenn er beschreibt, wie die Großmutter den kleinen Andrzej teilhaben ließ an ihrem Leben in dem die Geister der Toten wie selbstverständlich teilhatten.

Das meine Großmutter wirklich Geister sah, ist ein Zeugnis ihres metaphysischen Bewusstseins. Sie stellte sich nicht die Frage, ob eine andere Wirklichkeit existierte. Das neben unsere realen Welt noch eine andere genauso reale Welt existiert stand für sie außerhalb jeder Diskussion.

Ein andermal, nach dem Tod eines nahen Verwandten, sah Großmutter, wie der Verstorbene in die Küche kam; die Tür quietschte, der Gast schaute in alle Schubladen und Fächer der Kredenz und geht wieder, ohne etwas mitzunehmen. Das geschah im Morgengrauen. Großmutter war gerade dabei aufzustehen. Sie sah den Besucher, als sie schon auf dem Bettrand saß, an derselben Stelle, wo sie ihre Geschichten erzählte.

Für Stasiuks Großmutter war die Tatsache, dass Geister durch das Haus gingen, das Normalste auf der Welt. Dass Verschwinden dieses metaphysischen Bewusstseins beschreibt der Autor so, als sei dies einer der größten Verluste unserer Gegenwart

…weil die Welt dadurch kleiner, platter und eindeutiger wird. Außerdem tritt an die Stelle der Geister das Fernsehen. Es versucht heute vergeblich, den Menschen diese metaphysische Welt zu ersetzen.

Geister oder nicht Geister? Verbrennen oder Vergraben? Sterbehilfe leisten, ja oder nein? – Stasiuk schafft es, das Unfassbare in Literatur zu verwandeln. Und so ist das Buch mitnichten eines, das sterbenstraurig macht – eher eines, das man immer wieder hervorholt, um erneut darin zu blättern wie in einem Vademecum. Wohl auch deshalb passt es locker in jede Jackettasche…

Produziert für ORF Morgenjournal.

Andrzej Stasiuks Kurzes Buch über das Sterben ist bei Suhrkamp erschienen.