Alissa Ganijewas neues Buch – „Eine Liebe im Kaukasus“

Alissa Ganjeva © Greg Bahl

Schon mit ihrem ersten Roman „Die russische Mauer“ sorgte sie für Furore. Darin ging es um fiktive Gedankenspiele, wie sich Russland der Gefahr erwehren könnte, die dem Riesenreich von der zunehmenden Islamisierung des Kaukasus droht. Ganijewa ist eine genaue und präzise Beobachterin politischer und gesellschaftlicher Prozesse – in Russland ebenso wie in ihrer kaukasischen Heimat. Heute gehört sie zu den wenigen russischen Autorinnen und Autoren, die noch wagen sich auch öffentlich kritisch zu den politischen Vorgängen in ihrem Land zu äußern.
Das tut sie auch in ihrem neuesten Roman mit dem Titel „Eine Liebe im Kaukasus“, in dem uns die Autorin mitnimmt in eine Stadt in der die Menschen völlig zerrissen sind, zwischen dem kommunistischen Erbe der Sowjetzeit und einer archaischen Moderne. Dieser Roman ist wie ein Scheinwerfer, der sein Licht auf eine Ecke der Welt richtet, aus der schon lange keine Nachrichten mehr zu uns dringen.

Mirko Schwanitz hat mit der Autorin gesprochen:

Das Kaspische Meer war lange Zeit das Einzige das ich kannte. Dagestaner sind keine guten Schwimmer und verbringen deshalb wenig Zeit an seinen Ufern. Gigantische Schildkröten gibt es dort, wilde Hunde, Wanderdünen, verlassene Pionierlager. Alles wirkt, , als hätte es auch hier ein Tschernobyl gegeben. Die leeren Strände wurden für mich ein Ort, an dem ich in meiner Einsamkeit verbleiben konnte…

…erzählt die aus Dagestan stammende Schriftstellerin Alissa Ganijewa. Ihr neuester Roman „Eine Liebe im Kaukasus“ ist eine moderne „Romeo und Julia“-Adaption. Ihre Handlung endet just am Uferdes von Ganijewa soeben beschriebenen Meeres. Marat, ein junger Anwalt, kehrt aus Moskau in seinen Heimatort zurück, gelegen irgendwo, zwischen diesem Meer und steil aufragenden Bergen. Hier verliebt er sich Patja, die aber von einem anderen beansprucht wird. Keinem weltoffenen Mann wie Marat, sondern einem Salafisten, der glaubt, Besitzansprüche auf Patja zu haben, nur weil die ein paar Worte mit ihm gewechselt hat.

 


Der eigentliche Inhalt des Buches ist die Trennung des Kaukasus von Russland. Heute entstehen hier kleine Staaten, regiert von Klanführern, oft Leuten mit krimineller Vergangenheit. Nur dass sie sich heute Volksdeputierte nennen. Also Erscheinungen, die auch für die russische Politik typisch sind. Das Problem sind die Erscheinungen des Protestes gegen eine solche Politik. Die Protestbewegungen sind genauso gefährlich. Denn im  Kaukasus sind sie deutlich islamistisch gefärbt. Und die radikalen Salafisten bilden dabei die stärkste Opposition.
Und so zeigt Ganijewa in ihrem neuen Roman vor allem den Alltag in einer Stadt, die wie symbolisch von einem Schienenstrang zerrissen wird. Einen Alltag, in dem die Menschen an alten Traditionen festhalten, die aber längst jede bindende Kraft verloren haben. „Eine Liebe im Kaukasus“ führt den Leser in eine Welt,  in der das Intime und die Liebe als obzön gelten, gesellschaftliche Konventionen pervertiert sind, das soziale Zusammenleben zur Groteske verkommt und der Kampf um Bürgerrechte und wirkliche Freiheit den Menschen kaum mehr wichtig sind

Die Menschenrechtler im Kaukasus sind echte Helden. Weil sie jeden Tag bedroht werden, weil sie gequält und sogar ermordet werden können. Ich kenne solche Leute, die Unschuldige aus den Gefängnissen holen oder nach Verschwundenen suchen. Doch im Kaukasus darf man diesen Kampf um Menschenrechte nicht idealisieren. Denn die Leute, die von den Bürgerrechtlern aus den Gefängnissen geholt werden, sind meistens Salafiten. Menschen, die gegen die staatliche Ordnung kämpfen. Fanatiker, die behaupten für Gerechtigkeit zu kämpfen und den Dshihad meinen.
Ein hochpolitischer und spannender Liebesroman ist der in Moskau lebenden Autorin da gelungen. Er lenkt den Blick auf eine Region, in die nur noch wenige Westeuropäer Zutritt bekommen. Leise und doch bildgewaltig ist Ganijewas Sprache, mit der sie meisterhaft die Zerrissenheit ihrer beiden Haupthelden schildert, deren Liebe zum Drama wird, weil ein ganzer Landstrich wirkt, als würde er ins Mittelalter zurückkehren wollen und dabei gern das Handy und die Segnungen des Internets mitnehmen.
Es gibt da die Figur des Halilbek, eines mächtigen und einflussreichen Mannes, der wegen krimineller Delikte im Gefängnis sitzt. Und doch verehren viele im Ort meiner Handlung diesen Mann. Den einen ist er ein Mörder, den anderen ein Heiliger, weil er auch ein Wohltäter ist. Für mich steht er dafür, wie sich in Russland und an seinen Rändern Gutes und Schlechtes vermischen, weil man kein Vertrauen mehr in die Informationen haben kann, die verbreitet werden. Es wird ein Überfluss an Informationen produziert, damit die eigentliche Information, die Wahrheit, vernichtet und unbestimmbar wird. Für Russlands Zukunft und die des Kaukasus ist deshalb die Unbestimmtheit sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft offensichtlich.

Produziert für ORF Morgenjournal.