Trost des Nachthimmels – Dzevad Karahasan erzählt vom Sterben einer toleranten Epoche

Lange haben seine Leser auf ein neues Buch des bedeutenden bosnischen Erzählers Dzevad Karahasan warten müssen. Mit seinem Roman „Der Trost des Nachthimmels“ hat Karahasan ein neues Meisterwerk über Blüte und Zerfall eines islamischen Reiches vor. Doch ist dies mitnichten nur ein weiterer historischer Roman. Karahasan wäre nicht Karahasan, lieferte er damit nicht zugleich eine Allegorie auf die Gegenwart. Sein Roman zeigt, wie religiöser Fundamentalismus eine blühende, von Vielfalt und Toleranz geprägte Epoche zerstörte. Eine Rezension von Mirko Schwanitz.

Elf Jahre hat der bosnische Autor Dzevad Karahasan an seinem neuesten Roman gearbeitet. „Der Trost des Nachthimmels“ war ursprünglich gedacht als essayistischer Text über den persischen Astronom und Mathematiker, Omar Chayyam, den Erfinder des bis heute gültigen Kalenders. Doch was Karahasan nun vorlegt, ist etwas ganz anderes.

„In diesem Buch musste ich, um den Menschen zu begreifen, die ganze Epoche rekonstruieren, musste ich zeigen, dass sich das Leben des einzelnen Menschen und die Epoche unglaublich ineinander widerspiegeln. Bis jetzt ist es mir jedes Mal gelungen, meine Figuren als geschlossene Einheiten zu betrachten. In diesem Falle war es nicht möglich, denn in Chayyams Wesen spiegelt sich wirklich in erschreckender Weise und wunderbarer Weise diese Epoche wieder.“

Und so erschafft Karahasan um die Figur des verschroben-klugen, lebensuntüchtig-liebenswerten Wissenschaftlers vor den Augen des Lesers ein prächtiges Sittengemälde Isfahans als Zentrum des mächtigen Seldschukenreichs im 11. und 12. Jahrhundert. Omar Chayyam wird im Buch von einem Freund aufgefordert, einen Mord aufzuklären. Das Ergebnis seiner Ermittlungen ist…

„Glauben Sie mir, sehr erschreckend. Jetzt, seit das Buch vorliegt, begreife ich immer deutlicher und werde immer verängstigter und verblüffter, dass das Buch irgendwie allzu prophetisch ist.“

Der Trost des Nachthimmels“ ist am Ende weder ein  historischer Kriminalroman noch die literarische Biographie eines der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit.  Karahasan liefert hier ein epochales Meisterwerk über die Macht des Verdachts, den Ursprung der Geheimdienste und des politischen Terrorismus.

„Meine Übersetzerin hörte einmal, wie ich sagte, dass ich an einem historischen Roman schreibe. Und darauf sagte sie: historischer Roman? Ein so aktuelles Buch habe ich mein Leben lang nicht gelesen.“

Im Buch treffen drei Freunde nach langer Zeit wieder aufeinander. Der eine,  Nizzam mul-Mulk, ist Großwesir des Sultans, gewissermaßen Premierminister des Seldschukenreiches. Er macht seinen ehemaligen Mitschüler Omar Chayyam zum Hofastronomen. Zu seinem politischen Berater aber macht Nizzam mul-Mulk den nach Macht und Einfluss gierenden Hassan Sabbah. Als Nizzam mul-Mulk sich beim Sultan mit seiner Idee der Gründung eines Geheimdienstes nicht durchsetzen kann, begeht der weise und pragmatische Großwesir einen verhängnisvollen Fehler. Er stimmt Hassans Plan zu, den Sultan durch Aktionen wider die Staatsmacht zur Gründung eines Geheimdienstes zu zwingen. Hassan geht in den Untergrund und schon bald kann der Großwesir, den Dschinn, den er aus der Flasche gelassen hat nicht mehr kontrollieren. Männer in weißen Gewändern gegurtet mit roten Riemen verüben überall im Riesenreich politische Morde. Doch wie gelingt es Hassan Menschen zu Attentätern zu machen.

„Es gibt zwei Formen der freien Menschen, zwei Möglichkeiten, dass der Mensch, die totale Freiheit gewinnt. Die erste ist, autark zu werden. … Reich ist nicht jener, der viel besitzt, sondern der, der nichts bedarf, der nichts braucht. Die zweite Form der absoluten totalen Freiheit, ist, sich von der Angst vor dem Tod zu befreien. Hassan ist es gelungen, seine Jungs vor dieser Angst zu befreien. Sie haben wirklich keine Angst vor dem Tod, sie sehnen sich nach ihm.“

Und so beginnt der Roman sich mehr und mehr auch mit der Angst als Triebkraft der Politik und gesellschaftlichen Entwicklungen zu beschäftigen.

„Die wahre, die wirkliche Gefahr heute in Europa ist die Radikalisierung der Europäer durch absichtlich oder unabsichtlich produzierte Ängste. Denn ein Wesen, das von Angst beherrscht wird, denkt unklar, unlogisch und handelt unüberlegt. Es ist schon versklavt. Angst versklavt uns am schrecklichsten.“

Dzevad Karahasan hat einen hochspannenden, politisch brisanten Roman geschrieben. Ein Roman, der allen Lesern, insbesondere aber jenen, die in politischer Verantwortung stehen, ans Herz gelegt sei.

Dzevad Karahasan, „Der Trost des Nachthimmels“, Suhrkamp, 792 Seiten, 26,95 Euro

produziert für den ORF, gesendet am 2. Februar 2016