Zukunfts-Monopoly in der Republik Moldau

Nicoleta Esinencu und ihr bitterer Blick auf die Revolutionen vor 25 Jahren
Tatiana Miron in American Dream

Die rumänische Theaterregisseurin Nicoleta Esinencu bricht mit ihren Theaterstücken immer wieder Tabus. Dafür musste sie allerdings ihr eigenes unabhängiges Theater in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldova, beziehen. Dennoch geben sich in ihrer Untergrundbühne „Spalatorie“ (Wäscherei) internationale Theaterkuratoren die Klinke in die Hand, wenn sie ein neues Stück inszeniert. Auch weil Nicoleta Esinencu weiß mit ihren Stücken etwa über die Mittäterschaft Moldovas am Holocaust oder über die auch dort tief verwurzelte Homophobie zu immer wieder schocken. Nun war ihre neues Stück „American Dream“ als Teil einer Premierenreihe erstmals in Berlin zu sehen. Esinencus Inszenierung blickt dabei zurück auf 25 Jahre Mauerfall und seine Auswirkung in Osteuropa. Maximilian Grosser hat das Stück gesehen.

Tatiana Miron ist die Hauptfigur in Nicoleta Esinencus neuem Dokumentartheaterstück „American Dream“. In der Inszenierung über Arbeitsmigration spielt die Schauspielerin sich selbst und erzählt ihre Geschichte vom Traum Amerikas, der zu einem Albtraum wurde.

Auf einer kargen Bühne schildert Tatiana Miron ihre Erlebnisse in den USA als eine endlose Reihe von Enttäuschungen. Statt das Land zu erkunden, landet sie in einem schäbigen Feriendorf in der Provinz – einer Art amerikanischen Version ihrer verarmten und tristen Heimat in der Republik Moldau.

Wir waren zwanzig Studenten. Unser Job war es, die Ferienhäuser zu putzen. Immer die gleichen Häuser, wochenlang. Dafür bekamen wir 8 Dollar die Stunde. Eigentlich waren wir für acht Stunden eingeplant, mussten aber noch fünf, sechs Stunden fertig sein. Wir sollten einfach schneller arbeiten.

 

Mit dem verdienten Geld muss Tatiana Miron auch einen Kredit zurückzahlen, den ihre Eltern für ihren Traum von Amerika aufgenommen haben. Doch der Traum platzt, Tatiana kehrt mit einem riesigen Schuldenberg zurück. Um den abzubauen, muss sie wieder ihre Heimatland Moldau verlassen. Nun schuftet sie auf Baustellen, illegal, in Moskau. Nicoleta Esinencus Theaterstück erzählt so von den letzten Zuckungen des kalten Kriegs in der Republik Moldau.

Ich glaube alles was heute in der Gesellschaft Moldaus geschieht ist eine Nachwirkung des Mauerfalls. Ich habe mich persönlich mit meinem Theaterstück gefragt, wie leben wir 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion? Mich interessiert das, weil ich mich frage, wie viel wir verstanden haben. Warum ist es immer noch möglich einfach Kriege auszulösen im 21. Jahrhundert? Deshalb war es mir wichtig über die beiden Mächte USA Russland in meinem Stück zu sprechen. Und über die persönliche Geschichte etwas über die Gesellschaft zu erzählen.

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Und so porträtiert die Theaterregisseurin anhand der persönlichen Geschichte der Schauspielerin Tatiana Miron eine junge Generation in Moldau und wie ihre Träume zwischen den Interessen der EU, Russland und den USA zerrieben werden. Tatiana muss mit ihrer Zukunft Monopoly spielen, will sie ihren Traum verwirklichen will – so erzählt es das Theaterstück „American Dreams.“ Auch eine Annäherung an die EU wird das Problem nicht lösen, sagt Nicoleta Esinencu

Spielball ist dafür das richtige Wort. Moldau hat keine Persönlichkeit in der westlichen Politik. Das spielt sich auch in der Familienstruktur und dem allgemeinen Leben wieder. Viele gehen zum Beispiel als Gastarbeiter nach Russland. Das ist bald nicht mehr möglich. Aber unsere Politiker merken nicht, wie viel Geld dadurch nach Moldau strömt. Auch die Interessen der EU sind ziemlich seltsam. Es werden Millionen Euro für Reformen in Moldau ausgegeben. Aber es ändert sich nichts in den staatlichen Strukturen. Nur die Polizei bekommt beispielsweise neue Uniformen. Die Interessen der EU in Moldau sind andere als eine Demokratie zu fördern.

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Das erklärt vielleicht auch, warum das Jubiläum des Mauerfalls in Moldau keine Rolle spielt, sagt Nicoleta Esinencu, und warum viele ihrer Landsleute eher verbittert zurückschauen. Mit der Geschichte über Tatianas zerbrochene Träume gräbt Esinencu wie in früheren Theaterarbeiten verborgene Konflikte aus, über die Moldaus Gesellschaft nicht spricht. Wenn wir über unsere Geschichte schreiben, dann nur so, wie sie uns gefällt, sagt Nicoleta Esinencu. Deshalb hat sie mit Blick auf den Ukrainekonflikt Sorge um die Gesellschaft der Republik Moldau.

Es wird viel darüber in Moldova gesprochen. Was ich allerdings tragisch finde ist, dass sich die Leute vorstellen, dass der Krieg losgeht. Das ist ein Zeichen wie sehr der Krieg im Unterbewusstsein der Menschen immer noch schwelt, weil sich die Leute schon fragen, was sie morgen machen wenn der Konflikt ausbricht.

Produziert für WDR 5 Osteuropamagazin.