Wir sind Verräter

Wie sich Künstler gegen eine faschistoide Politik in Kroatien wehren

Seit 10 Tagen hat Kroatien nun eine neue Regierung und Europa ist derart mich beschäftig, dass es kaum wahrnimmt, dass das kleine Land sich immer mehr von den Werten entfernt, zu denen es sich mit dem Beitritt der Europäischen Union bekannt hat. Der neue kroatische Regierungschef, Tihomir Oreskovic, ein aus Kanada zurückgekehrter Exilkroate versteht offenbar so wenig Kroatisch, dass nicht er seine Minister, sondern seine Minister ihn kontrollieren. Einer dieser Minister wollte etwa „Staatsverräter“ in Listen erfassen lassen. Ein anderer erklärt den kroatischen Staat zum legitimen Nachfolger der faschistischen Marionettenrepublik von Ante Pavelic.

Seit dem Amtsantritt der Regierung Oreskovic demonstrieren nun Bürger, darunter zahlreiche Kulturschaffende vor dem Regierungsgebäude oder mit subversiven Kunstaktionen. Schriftsteller stellen öffentlich die Frage, wie es in ihrem Land zu alledem kommen konnte. Bojana Radetic und Mirko Schwanitz berichten:

Seit Tagen versammeln sich immer wieder Bürger, Intellektuelle und Künstler, um vor dem Regierungssitz in Zagreb gegen die neue kroatische Regierung zu demonstrieren. Ausgelöst wurde der öffentliche Widerstand durch Äußerungen von Ministern und Parteiführern, die nahelegen, dass Kroatiens Regierung zur nationalistischen Politik der Neunziger Jahre zurückkehren will.

Nach nur einer Woche im Amt, zwang die Wucht der Proteste den für Kriegsveteranen

Amtsräume von einem Bischof weihen lassen, der als nationalistischer Dogmatiker bekannt ist und als erste Amtshandlung angekündigt, ein Register für Staatsverräter anlegen zu lassen. Der Intendant des Nationaltheaters in Rijeka, Oliver Frljić, verlangte daraufhin, als erster in die Liste eingetragen zu werden. Die prompte und kreative Reaktion vieler namhafter Künstler kam für die Regierung völlig überraschend.

Wir haben selbst ein online-Plattform freigeschaltet, auf dem sich die Bürger in einem Register selbst als Verräter eintragen können.  In den ersten Tagen haben sich bereits mehr als 7000 Menschen eingetragen Und viele haben Kommentare hinterlassen, welches politisches System sie sich in unserem Land wünschen und alle diese Wünsche stehen in krassen Gegensatz zu dem politischen System, das wir zurzeit haben.

 

Nora Krstulović gehört mit ihrem Künstlerkollektiv „SKROZ“ zu den Initiatorinnen der Proteste. Wenn sie nicht bei den Demonstranten ist, probt sie mit ihrer Truppe auf einer kleinen Bühne im Herzen von Zagreb für ihre nächsten Auftritte. Politisch sollen sie sein und provozieren.

Man muss mit politischen und künstlerischen Aktionen reagieren. Und wir haben einfach die Verantwortung uns mit konkreten Aktionen gegen diese revisionistische Politik zu wehren.

Nach dem Rücktritt des Veteranen-Ministers richten sich nun die Proteste vor allem gegen den neuen Kulturminister, Zlatko Hasanbegovic. Der will, dass jeglicher kritische Blick auf den Bürgerkrieg in 90er Jahren aus den kroatischen Schulbücher getilgt wird, sieht sein Land in einer Linie mit der faschistischen kroatischen Marionettenrepublik im Zweiten Weltkrieg und leugnet das antifaschistische Erbe der Partisanen, die Jugoslawien einst von den Faschisten befreiten. Dass man ihm dafür als Symbol für die verstorbene Kultur einen Sarg vor seine Amtsräume stellte, findet die Schriftstellerin Ivana Simic-Bodrozic nur folgerichtig.

Diese Regierung ist vor allem primitiv und roh. Um es mit den Worten eines Kollegen zu sagen, mehr noch als der Nationalismus ist das Problem Kroatiens der Primitivismus.

An Kulturminister Hasanbegovic scheint jegliche Kritik bis jetzt abzuperlen. Unbeeindruckt von den Protesten löste er jetzt den Rat für unabhängige Medien auf und verlangte vom öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, in Zukunft mehr patriotische Filme auszustrahlen. Für Ivana Bodrozic stellt die neue Regierung eine ernste Gefahr für die Demokratie dar.

Mir wurde angesichts dieser Politik so übel, als ob mich jemand in den Bauch getreten hätte. Welcher normale Mensch würde gern in die 90er Jahre zurückkehren? Das Land war okkupiert, täglich starben Menschen, Kriminelle organisierten die Plünderung des Landes. Zu  solchen Sachen kann ich nicht schweigen. Ich werde, wann immer ich kann, darauf reagieren. Ich brauchte Zeit um das zu artikulieren, zu verarbeiten, um irgendetwas schrieben zu können

In Kürze wird in Kroatien Ivana Bodrozics neuer Roman „Das Loch“ erscheinen. Unverkennbar kritisch setzt sie sich darin mit der Vertreibung der Serben aus Vukovar, dem heutigen Umgang mit der serbischen Minderheit und damit der nationalistischen und zunehmend revanchistischen Politik in ihrem Land auseinander.

„SKROZ“ – der Name des Künstlerkollektivs steht wie exemplarisch für das, was die kroatische Zivilgesellschaft derzeit empfindet. Übersetzt heißt er so viel wie „durchaus“. Wir sollten den Politikern zeigen, sagt Krstulović, das wir Bürger „durchaus“ wahrnehmen, das die Regierungspolitik reaktionär ist und das wir „durchaus“ dagegen“ etwas unternehmen können, dass wir  nicht aufgeben werden, ihrem Nationalismus die Vision eines demokratischen, toleranten Gemeinwesens entgegenzusetzen.

Natürlich sind viele schon müde, dass wir immer wieder von vorn beginnen müssen. Aber wir sind selbst schuld, denn wir haben viel zu oft „gegen“ jemanden gewählt, statt sun „für“ etwas zu entscheiden. Wir müssen endlich selbst bestimmen, was wir wollen, was im öffentlichen Interesse ist und das auch durchsetzen. Ohne Rücksicht darauf, wer gerade an der Macht ist.

Porduziert für WDR 5 Scala.