Ungarns Theater am Scheideweg

Zum ersten Mal trafen sich am Wochenende Ungarns verfeindete Theatermacher auf neutralem Boden. In Berlin trafen Àrpád Schilling von der freien Theaterstiftung Kretakör, György Szabó vom alternativen Kunsthaus Trafó auf den als regierungsnah geltenden Nationaltheaterintendanten Attila Vidnyánszky. Der setzt sich ein für eine sakrale, monumentale Theaterästhetik, die Nationalstolz und religiösen Glauben huldigt. Den kritischen Positionen des freien Theaters kann Vidyánszky nichts abgewinnen. Auf Initiative der Heinrich-Böll-Stiftung und des Vereins mindpirates stritten die drei Theatermacher über die Zukunft des Theaters im Ungarn des Viktor Orban.

Denn seit 2010 ist die Theaterlandschaft in Ungarn gravierenden Eingriffen durch die Fidesz-Regierung ausgesetzt. Seit Regierungsantritt von Ministerpräsident Oban wurden Theaterdirektoren durch Parteigänger ersetzt. Lediglich einige wenige freie Theater existieren noch, erhalten als finanzielle Förderung kaum mehr als ein „Gnadenbrot“. Die Folge: Immer mehr kritische Künstler verlassen das Land. Nur wer zur „Pflege der nationalen Kultur Ungarns“ bereit ist, kann an den Bühnen des Landes weitermachen. Und die die da bleiben, versuchen sich unter dem Druck der Regierung zu arrangieren. Dennoch: kleine Leuchttürme leisten Widerstand gegen die politische Vereinnahmung durch Orbans Parteigänger, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Ein Beitrag von Maximilian Grosser.

Der zunehmende politische Druck auf freie Theatermacher kann in Ungarn sehr produktiv sein – so erzählte es Àrpad Schilling in Berlin. Zusammen mit seiner Theaterstiftung „Kretakör“ hat er das Stück Korrupció“ von Martón Gulyás auf die Bühne gebracht – und feiert riesige Erfolge. Jede Aufführung ist ausverkauft, weil die Produktion wie keine andere die Verflechtung von privaten, wirtschaftlichen und politischen Interessen der Regierung im heutigen Ungarn zeigt. Àrpad Schilling.

Dieses Stück handelt davon, wie eine politische Gruppierung den Staat praktisch gefangen hält. Man sieht bei uns, wie die politischen und wirtschaftlichen Eliten ein kleines Reich aufbauen. Das führt dazu, dass wir uns irgendwo zwischen dem Russland Putins und dem Italien von Berlusconi befinden, auch weil keine der Parteien von der Korruption unberührt ist.

 

Doch die Kritik an der politischen Elite allein erklärt den Erfolg noch nicht. Weil Kretakör, zu deutsch Kreidekreis, längst eine Art Theater der Bürger etabliert, strömt vor allem diskussionsfreudiges, intellektuelles Publikum zu den Aufführungen. Mit ihrer Arbeit wollen Schilling und Kretakör das zivile Bewusstsein und die Kritikfähigkeit ihrer Zuschauer schärfen. Der Regierung Orban scheinen die demokratiefördernden Umtriebe von Kretakör deswegen ein Dorn im Auge zu sein.

Diese Situation kann ich mit einer konkreten Zahl belegen. Nach 2009 sind 90% der staatlichen Subventionen für Kretakör weggebrochen. Das hat politische Gründe, weil die alternative Szene für ein Produkt der linksliberalen Parteien gehalten wird. Und die rechtskonservative Regierung will sie ausmerzen. Deswegen finanzieren wir uns größtenteils mit Geldern aus dem Ausland. Das ist natürlich Nonsense, weil wir in Ungarn arbeiten und ebenfalls in Ungarn wirken.

2009 bekam Kretakör noch ein Viertel Million Euro staatlicher Mittel, heute sind es noch knapp 30.000. Die werden von einer Kommission vergeben. Deren Vorstand ist Attila Vidnyászky, der als regierungsnah gilt und gleichzeitig Intendant des ungarischen Nationaltheaters ist. Nein, bestritt er gegenüber Arpad Schilling, es sind sicher nicht politische Gründe, warum Kretakör nun weniger Fördergeld bekommt. Attila Vidyánsky.

Das heutige Kretakör ist ein anderes Theater. Es bekommt weniger Geld, weil mir Fachleute bestätigen, dass es eine ganz andere Qualität hat als früher. Deswegen haben wird das Geld zusammengestrichen. Und nicht nur bei Kretakör, sondern auch bei anderen, weil wir Theatern helfen wollen, die bisher keine Unterstützung bekommen haben.

Eines der nun geförderten Häuser ist das Neue Theater in Budapest. Seit 2012 wird es von einem Rechtsextremisten geleitet. Vor diesem Hintergrund bangen freie und kritische Theatergruppen um ihre Zukunft und passen sich immer mehr dem politischen Druck an. Schon beobachtet György Szabo vom Budapester Kunsthaus Trafó, dass deren Experimentierfreude weniger wird, inzwischen kommerzielle Interessen vorherrschen. Selbst etablierte Repertoiretheater äußern mit ihren Inszenierungen nur noch Kritik zwischen den Zeilen – wie in der kommunistischen Ära vor 1989. Kooperationen außerhalb Ungarns werden deshalb immer wichtiger. György Szabo, vom Kunsthaus Trafó

Die unabhängigen Theater versuchen sich mit der Situation auf verschieden Art zu arrangieren. Eine Möglichkeit ist die Verstärkung der Kontakte zu europäischen Partnern. Das gelingt vor allem den renommierten Theatern. Die sind so etwas wie kleine ungarische Basen der Unabhängigkeit. Diesen Weg gehen wir bei Trafo. Mit ausländischen Produktionen versuchen wir zu zeigen, wie gute Gesellschaftskritik funktionieren kann.

Auch der Theatertruppe Kretakör gelingt Gesellschaftskritik nur noch mit ausländischer Hilfe – den Großteil ihres Budgets sichert eine Stiftung von George Soros. Und noch auf eine andere Weise wird die Zusammenarbeit mit Theatern in anderen Ländern umso wichtiger: für das eigene Seelenheil, sagt Àrpad Schilling

Wenn ich im Ausland arbeiten, ist es wie eine Art Luft holen. Dort kann ich frei arbeiten und bin finanziell abgesichert. Außerdem bekommt man das nötige Feedback, man kann sich auf sein Talent verlassen. Diese seelische Unterstützung wird in Ungarn nicht gewährt. Deswegen fühle ich mich in Deutschland oder Frankreich im geistigen Sinne mehr zu Hause.

Produziert für NDR Kultur Journal.