Ukraine: Jamala – eine Krimtatarin fährt zum ESC

ESC-Teilnehmerin Ukraine: die krimtatarische Sängerin Jamals

Obwohl politische Texte eigentlich verboten sind, gewann in der Ukraine die krimtatarische Sängerin Jamala mit einem Lied, mit dem sie auf das Schicksal ihres Volkes aufmerksam machen will. Tatsächlich scheint das Schicksal der Krim-Tataren, der größten Minderheit auf der Krim niemanden mehr zu interessieren. Einige Beobachter sprechen gar von einem Kartell des Schweigens. Man nehme die Menschenrechtsverletzungen auf der Krim hin, um mit Russland über Syrien verhandeln zu können. Niemanden interessierte dass die gewählten politischen Führer der Krim-Tataren seit der Annexion nicht mehr in ihre Heimat können und das auch in den vergangenen Tagen auf der Krim wieder Hausdurchsuchungen und Verhaftungen von Krim-Tataren gegeben hat. Inzwischen sitzen viele mit fingierten Anklagen in Gefängnissen.

Und so könnte der Auftritt einer Krimtatarin beim ESC zum Politikum werden. Russische Telekommunikationsunternehmen hatten am Sonntag bereits SMS-Votings von der Krim für Jamala unterbunden. Es hat nichts genutzt.

Nun begehrt eine junge krimtatarische Sängerin gegen dieses Kartell des internationalen Schweigens auf. Jamalas Song dürfte dem mit den Jahren immer seichter gewordenen Eurovision Song Contest zugleich wieder eine ernstere Note geben. Mirko Schwanitz und Ivan Gayvanovych berichten.

Es war ein Paukenschlag, als die 32jährige krimtatarische Sängerin Jamala  mit einem ebenso hochemotionalen wie politisch wirkenden Song das Finale zum Eurovision Song Contest in der Ukraine gewann.

Es kann passieren, das Nachts Fremde an dein Haus kommen, dass sie alle töten und dann behaupten sie seien nicht schuld, heißt es in Jamalas Lied. Jamala, mit bürgerlichem Namen Susanna Dshamaladinova, ist in der Ukraine, aber auch in Russland ein bekannter Popstar. In ihrem neuesten Song mit dem Titel „1944“ jedoch sang sie plötzlich nicht über die Liebe, sondern über die Geschichte ihrer eigenen Familie, die Geschichte ihres Volkes.

Meine Urgroßmutter steckte man in einen Eisenbahnwaggon, ihren Säugling auf dem Arm. Das Kind starb an Hunger und sowjetische Soldaten warfen es einfach aus dem Zug.

Jamala selbst wurde am Deportationsort geboren, in Kirgisien. Erst 1986 durfte die Familie in ihre Heimat auf die Krim zurückkehren. Da war Jamala drei Jahre alt.

Meine Heimat ist die Krim, denn ich bin eine Krimtatarin, mein Vater, meine Großeltern und Urgroßeltern stammen aus einem Dorf mit dem Namen Kutschuk-Usen.

Dort erlebte Jamala, wie ihre Eltern sich mühsam eine neue Existenz aufbauten. Doch die derzeitige russische Politik auf der Krim laufe darauf hinaus, viele Krimtataren erneut zu vertreiben.

ESC-Teilnehmerin Ukraine: die krimtatarische Sängerin Jamala

Genau das ist nämlich ist die Politik dieses Regimes. Ich selbst erinnere mich zwar nur undeutlich an die Zeiten der Sowjetunion. Aber ich habe den Eindruck, dass sich seitdem nichts geändert hat.

Seit der Annexion der Krim ist Jamala nicht mehr die, die sie einmal war. Ein auch in Russland bekanntes, unpolitisches Schlagersternchen, das über die Liebe und das Lächeln sang –  wie in ihrem populären Song „Smile“

Unter den heutigen Verhältnissen, sagt Jamala, die inzwischen Auftritte in Russland ablehnt, könne sie mit so einem seichten Lied doch nicht beim Eurovision Song Contest antreten.

Seit der Besetzung der Krim ist Jamala nicht mehr in ihrer Heimat gewesen. Ihre Eltern kommen sie ab und zu in Kiew besuchen, wo sie heute lebt. Beim Eurovision Song Contest, dem größten europäischen Medienevent, dürfte nun wohl kaum noch ein Moderator darum herumkommen,  angesichts von Jamals Auftritt über das Schicksal der Krimtataren zu sprechen.

Eine Produktin für NDR Kultur.