Streifzug durch die Rockszene in Moldova und Transnistrien

holodnaya noch

Nur selten dringen aus der kleinen Republik Moldova, dem früheren Moldawien, Nachrichten zu uns. Und noch seltener hören wir etwas aus Transnistrien, jener kleinen, von Moskau ausgehaltenen Separatisten-Republik, die sich 1990 in einem Bürgerkrieg von Moldawien abspaltete. Inzwischen hat die Europäische Union mit der kleinen Republik ein Assoziierungsabkommen unterzeichnet, die Moldauer (Moldawier) dürfen visafrei reisen. Wie reflektieren eigentlich die Rockmusiker in Moldova und Transnistrien die Entwicklungen? Gibt es dort überhaupt eine Rockmusik-Szene? Und wenn ja, mit welchen Themen befassen sich die Texte der Musiker dort?

Mila Corlateanu  und Jutta Schwengsbier sind diesen Fragen einmal nachgegangen – hier ihr Streifzug durch die unbekannte Welt des Rock’n Roll dieseits und jenseits des Flusses Dnjestr.

Jeden Abend 19 Uhr strahlt der moldauische Fernsehkanal Journal TV seine Hauptnachrichtensendung aus. Moderator ist Alecu Mătrăgună. In Hemd und feinem Zwirn informiert er die Moldauer über das Neueste vom Tage. In seinem zweiten Leben aber ist Alecu Mătrăgună etwas ganz anderes.

In seinem zweiten Leben wird Alecu Mătrăgună zum Rocker. Mit seiner Band Paralela 47 trat er bereits beim Eurovision Song Contest auf. Die Musik ermöglicht die Musik Alecu vor allem eines – auszubrechen aus dem Korsett der Neutralität.

Rockmusik ist eine Musik des Protests. Eine Musik, in der nicht nur die Töne wichtig sind, sondern auch die Botschaft. Rock, das  bedeutet immer Widerspruch, ein kräftiges Wort, ein kraftvoller Ausdruck. Rock, das ist für mich Freiheit.

Die nüchternen Nachrichten würden die Schicksale, die hinter ihnen steckten, oft verbergen, erzählt Alec. Die Musik gebe ihm die Möglichkeit, von den Dingen zu erzählen, die ihm wichtig sind.

Dieser Titel heißt „Die Helden“. Ich schrieb es für die jungen Menschen die 2009 den Mut fanden auf die Straßen zu gehen und durch ihre Proteste die kommunistische Regierung zum Rücktritt zwangen. Viele hatten damals das Gefühl einer Befreiung. Und wir wollten das in unserem Song dieses Gefühl der Befreiung weitertragen.

Der Musikmarkt in Moldova ist klein. Viele Musiker gehen ins Ausland. Eine Ausnahme sind die  „Furiosnails“. Sie gehören zu den Top-Bands im rumänischen Sprachraum – beliebt nicht nur wegen ihrer Musik, sondern auch, weil sich die Musiker immer wieder für soziale Projekte einsetzen.

Die Leute rufen uns ständig an und fragen, wo sie Sachen spenden könnten. Inzwischen haben wir haben Sammelpunkte in Chisinau eingerichtet – und zwar in zwei underground Clubs unserer Stadt.

„Furiosnails“ engagieren sich für Tuberkulosekranke und Obdachlose. 2011 schrieb die Band mit dem Titel „Blue Passports“ den Soundtrack für eine Kampagne, die dem Wunsch der moldauischen Jugend nach europäischen Reisepässen Ausdruck verlieh.

Die Kampagne war erfolgreich. Die blauen Pässe ermöglichen den Moldauern visafreies Reisen in der EU. Doch für Lilian Severin ist der Titel „Blue Passports“ vor allem eine Metapher.

Es ist schön, dass wir jetzt andere Pässe haben. Aber für mich richtet sich der Titel „Blue Passports“ auch gegen eine Mentalität, die in unserer Gesellschaft immer noch präsent ist. Er richtet sich gegen Leute, die keine Veränderungen akzeptieren. Ich möchte, dass  die Menschen sich öffnen und Schranken nicht einfach so akzeptieren.

Hinter solchen Schranken spielt eine andere Rockband. Drüben, auf der gegenüberliegenden Seite des Dnjestr, in der von Russland ausgehaltenen Separatistenrepublik Transnistrien. In einem Club in der kleinen Stadt Bender treten heute die Rocker von „Holodnaia Noch“ auf.  Wir spielen etwas, was wir „Russisches Heavy“ bezeichnen, sagt Sänger Pavel.

In unseren Liedern geht es um verschiedene Themen: glückliche und unglückliche Liebe. Aber auch darum , wie wir hier leben, über unsere Realität, unsere Probleme. Unser aktueller Song dreht sich um den Krieg in der Ukraine. Sein Titel ist „Antworte mir“. Denn wir fragen uns, warum das alles geschieht, warum die Erde dort von Bomben verbrannt wird.

„Holodnaia Noch“ bedeutet übersetzt so viel wie „Kalte Nacht“. Das sei, sagt Pavel, eine ziemlich gute Beschreibung ihres Seelenzustandes. Ja, sie seien in Transnistrien ziemlich abgeschnitten von der Welt. Auch deshalb würden sie so laut spielen, heavy eben. Vielleicht höre sie ja mal jemand und würde sie zu einem Konzert einladen, drüben auf der anderen Seite des Dnjestr, in Moldova – und über alle Grenzen hinweg.