Russland: Bedrohtes Erbe der russischen Avantgarde

Erstmals zeigt eine Berliner Ausstellung den Geist der WChUTEMAS

WChUTEMAS in Berlin

Die Avantgardeschmiede WChUTEMAS gilt als russisches Äquivalent zum deutschen Bauhaus. In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts unterrichteten an der Moskauer Kunsthochschule Größen wie Wassily Kandinsky oder der Architekt und Fotograf Alexander Rodtschenko. Nun gibt der Berliner Walter-Gropius-Bau erstmals Einblick in den fortschrittlichen Geist der Kunsthochschule. Seit heute präsentiert das Berliner Museum Architekturentwürfe, Zeichnungen und Modelle der ersten Jahre des ‚Labors der Moderne’. In den Werken aus dem Zentrum der russischen Avantgarde wird nun erstmals auch deren vollkommen neue Lehrmethode einer Kunsthochschule erlebbar. Ein Beitrag von Maximilian Grosser.

Die Moskauer Kunsthochschule WChUTEMAS war ein Kind der Oktoberrevolution. Die ‚Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten’, wie das Akronym WChUTEMAS übersetzt wird, sollte das alte System der russischen Kunstschulen aus der Krise führen. Nicht mehr das obrigkeitshörige Studieren als Meisterschüler stand auf dem Programm. Sondern das gemeinsame Experimentieren in verschieden Kunstformen wie Architektur, Bildhauerei und Malerei war eine der Säulen der WChUTEMAS – wie nun erstmals eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt.

Die WChUTEMAS hat eine herausragende Rolle in der russischen Avantgarde gespielt. An ihr herrschte eine besondere Atmosphäre. Hier wurden neue Wege der Kunst beschritten, hier wurden neue Architekturformen und neue Vorstellungen über den Lebensraum entwickelt. An der WChUTEMAS wurden nicht Fertigkeiten unterrichtet, sondern es ging um die Erweiterung der Wahrnehmung.

 

…sagt Irina Korobina, Direktorin des Schtschussew-Museum für Architektur in Moskau. Deshalb ist der Vergleich der WChUTEMAS mit dem deutschen Bauhaus nur Kunstmarketing. Schon allein ihr Stilkanon war vielfältiger. Unterschiedliche Klassen verschiedener Kunstrichtungen machten die WChuTEMAS zu einer Anstalt der Grundlagenforschung für die Kunst, sagt die Kuratorin Irina Tschepkunowa.

In den ersten zwei Jahren bekamen alle Studenten eine Grundausbildung. Sie wurden unterrichtet in der Disziplin Raum, die Lehrenden waren Architekten, in der Disziplin ,Volumen’, da lehrten Bildhauer, und im Fach Farbe wurden sie von Malern unterrichtet. Die Aufgaben etwa in der Disziplin Raum begannen sehr einfach und wurden komplizierter. Außerdem ging man vom abstrakten zum konkreten. Die Studenten sollten etwa Schwere und Leichtigkeit zeichnen, aber auch Getreidespeicher oder

WChUTEMAS in Berlin

Die Berliner Ausstellung „WChUTEMAS – Ein russisches Labor der Moderne“ macht dieses Bildungsverständnis nun erstmals erlebbar. Dafür beleuchtet sie besonders die Disziplin ‚Raum’ wie sie an der WChUTEMAS vom Architekten Nikolai Ladowski unterrichtet wurde. Sie war ein Labor der Sinne, das mit psychoanalytischen Mitteln die Wirkung von Architektur untersuchte. Schon Ladowskis wichtigste Forschungsfrage deutet an, das hier neue Grenzen der Architektur ausgelotet wurden. Seine Studenten erforschten etwa, wie viel emotionale Energie notwendig ist, um die Form eines Gebäudes zu begreifen.

Wir zeigen das System der Ausbildung der WChUTEMAS, weil sie das einmalig gemacht hat. Das machte sie auch so populär, dass sie überall in der damaligen Sowjetunion kopiert wurde. Diese Bedeutung kann man den Studentenarbeiten der Disziplin ‚Raum’ ablesen, die hier zu sehen sind. Außerdem zeigen wir Diplomarbeiten und die Entwürfe von Lehrern, die zum Stil des Konstruktivismus gezählt werden können.

Schwindelerregende Kombinationen geometrischer Formen, Gebäude, die Kulissen heutiger Science-Fiction-Filme sein könnten, Hochhaus-Architektur, die ihrer Zeit weit voraus war – die Berliner Ausstellung zeigt die bisher wenig erforschte atemberaubende Formensprache der WChUTEMAS. Nur zehn Jahre konnte sie sich entwickeln, 1930 wurde die Kunsthochschule aufgelöst. Denn sie war immer auch Ort künstlerischer, politischer und ideologischer Grabenkämpfe – einen einheitlichen Stil der WChUTEMAS gab es nie. Ende der Zwanziger Jahre verpflichtete die neue Parteidoktrin unter Stalin die WChUTEMAS-Avantgardisten zum Sozialistischen Realismus. In den Worten der Museumsdirektorin Irina Korobina klingt der Wandel irritierend harmlos.

Die Architekten waren keine Konformisten. Sie hatten ein Gefühl für ihre Zeit, die Zeiten änderten sich und mit ihr die Architekten. Die zehn Jahre WChUTEMAS waren eine wunderbare Zeit. Die Architekten waren aber enttäuscht von der Qualität ihrer Bauwerke und sie hatten Zweifel an ihrer Arbeit. Sie befanden sich in einer stilistischen Sackgasse. Es gab natürlich auch einen starken politischen Willen. Das kann man aber nicht mit dem Bauhaus vergleichen, das von den Nazis geschlossen wurde.

WChUTEMAS in Berlin

Dennoch: in den Neunzehndreißiger Jahren wurde erfolgreich am Vergessen der Kunsthochschule WChUTEMAS gearbeitet. Ihr eigenes Archiv gilt als verschollen. Die Berliner Ausstellung speist sich deswegen aus dem Schatz privater Sammlungen ehemaliger WChUTEMAS-Lehrer und -Studenten, die das bedrohte Erbe gerettet haben.

 

 

Produziert für NDR Kultur Journal.