Riga: Kulturhauptstadt und Nazikollaboration

Wie die lettische Hauptstadt ihr geschichtliches Erbe aufarbeitet

Riga ist in diesem Jahr neben Umea in Schweden die Europäische Kulturhauptstadt. „Force Majeure“ lautet das Motto des Jahres, zu Deutsch: höhere Gewalt. 200 Veranstaltungen soll es geben, darunter Konzerte, Opern- und Singfestivals oder zeitgenössische Kunstausstellungen. Doch auch die Vergangenheit spielt im Kulturhauptstadtjahr eine Rolle – und zwar nicht nur im Rahmen einer großangelegten Ausstellung über den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs. Das Kulturhauptstadtjahr will zur geschichtlichen Auseinandersetzung auch über die dunklen Flecken der lettischen Geschichte anregen, hat Markus Nowak herausgefunden.

Werbefilm: Die Rigaer Straße der Freiheit hieß viele Jahre Leninstraße, eine Zeitlang Adolf-Hitler-Straße. Wir, die Einwohner Rigas haben das alles aus unseren Fenstern gesehen.

Ein Werbefilm über Riga, die Europäische Kulturhauptstadt 2014. Betont legt das offizielle Programm einen Schwerpunkt auf die Vergangenheit Lettlands und den verschleppten Umgang mit ihr. Und so steht die Brīvības iela symbolhaft dafür: die Freiheitsstraße, die einstmals Leninstraße hieß und Schauplatz war für Militärparaden oder die Aufmärsche von Werktätigen. Hier steht noch immer ein Haus, um das die Rigaer in der Sowjetzeit einen großen Bogen machten. Im sogenannten „Eckhaus“ hatte der KGB seinen Sitz und seine Folterkammern. Bald wird es zum ersten Mal für die Allgemeinheit geöffnet, als Ausstellungsraum. Ein Schritt zum neuen Umgang mit dem sowjetischen Erbe, glaubt Anna Muhka vom Kulturhauptstadtbüro.

Wir wollen neues Leben in das Haus bringen, ohne die Vergangenheit zu vergessen und das Tragische, was hier passiert ist. Das Haus ist nicht schuld daran, es ist ein schönes Haus. 1912 gebaut und keineswegs für die KGB. Wir wollen damit ein Zeichen setzen, dass wir mit dem Haus etwas tun müssen, es darf hier nicht leer und stumm an der Straßenecke stehen.

 

Stumm werden viele Letten, wenn es um einen anderen Abschnitt ihrer Geschichte geht: die Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Schließlich wurde die Wehrmacht nicht nur als Besetzer empfunden.

NS-Wochenschau: „Zum dritten Male seit 1917 eroberten deutsche Soldaten Riga, diese alte Hansestadt, die in ihrer Geschichte ihre enge Verbundenheit mit dem Deutschtum bewiesen hat. Der Einmarsch unserer Truppen vollzieht sich unter Jubel der Bevölkerung“

Der Jubel der Rigaer war keineswegs nur NS-Wochenschaupropaganda. Immerhin kämpften 150.000 Männer an der Seite der Wehrmacht und ab 1943 wurden gar lettische SS-Divisionen gebildet. Jene für die Letten bis heute schwierige Zeit der deutschen Besatzung und der Kollaboration behandelt das Rigaer Okkupationsmuseum. Allerdings ist die die Sanierung des Hauses nicht pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr fertig geworden. Als Interimslösung wurde nun die ehemalige US-Botschaftsvilla im Rigaer Jugendstillviertel zum Ausstellungsraum. Valters Nollendorfs vom Vorstand des Okkupationsmuseum.

Wir versuchen den Letten etwas beizubringen, was sie in ihren Legenden oder ihren Mythen nicht erinnern. Und dabei darf man nicht vergessen, dass etwa 50 Jahre lang eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, ein Diskurs, nicht stattfinden konnte.

Der Diskurs über lettische Nazi-Kollaboration und die Geschichte des Landes während der Zeit des Sowjetregimes wird 69 Jahre nach Kriegsende und 22 Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion nun nachgeholt. Ergänzt wird er etwa auch durch ein Museum, das eine Privatinitiative kürzlich einem stillen Helden gebaut hat. Janis Lipke. Als Lagerarbeiter versteckte Lipke in einem Erdloch in seinem Garten auf der Düna-Insel Kipsala dutzende Juden aus dem Rigaer Ghetto. 56 lettische Juden überlebten so den Holocaust. Die Architektin Zaiga Gaile wohnt heute unweit von Lipkes ehemaligen Haus. Sie entwarf das neue Museum. Durch das Kulturhauptstadtjahr werde die Geschichte des lettischen Judenretters nun endlich bekannt hofft sie.

Vielleicht ist es die erste Gedenkstätte, die nicht von Juden gebaut wurde. Sie wurde von uns Letten errichtet. Ich würde die Architektur als scheu beschreiben, die aber Hoffnung und Leben ausstrahlen soll. Getreu der Antwort, die Lipkes Frau Johanna, einst auf die Frage gab, wieso sie die Juden versteckten: Wir dachten, erst wenn sie überleben, dann überleben auch wir.

Produziert für BR 2 Kulturwelt.