Politik kotzt mich an – zu Besuch bei Daniil Granin

Er gilt als der letzte große Schriftsteller der Kriegsgeneration: Der russische Autor Daniil Granin. Über 14 Romane hat er geschrieben. Weltweit bekannt wurde er mit seinen Leningrader „Blockadetagebüchern“. Eigentlich wollte er nicht mehr über den Krieg schreiben. Doch das Auseinanderdriften der Welt veranlasste ihn, seine Meinung zu ändern. „Ich habe lange mit mir gerungen“, sagte der heute 96jährige im vergangenen Jahr in seiner bewegenden Rede vor dem deutschen Bundestag. „Aber am Ende habe ich mich entschieden, erstmals über m e i n e n Krieg, m e i n e Schützengrabenwahrheit zu schreiben.“Gerade ist Daniil Granins Roman „Mein Leutnant“ erschienen. Es ist sein bisher persönlichstes Buch. Mirko Schwanitz hat das Buch gelesen und mit dem Autor gesprochen.

Nur wenige Stationen sind es vom St. Petersburger Zentrum zur Metro-Station Gorki unweit des Newski-Prospekts. Von hier sind es nur ein paar Schritte zur Wohnung von Daniil Granin. Der Fahrstuhl hält im sechsten Stock. Granins Arbeitszimmer liegt am Ende eines schmalen Flurs. Der 96jährige sitzt, umgeben von Büchern in einem riesigen Sessel neben dem Fenster. Über Politik wolle er nicht sprechen. Sie kotze ihn an, sagt er wörtlich. Aber über seinen neuen Roman über die Blockade Leningrads könnten wir gerne reden.

Meine Freunde und ich hatten damals keine Ahnung, wie alles ausgehen würde. Tausende starben bei den Ausbruchsversuchen. Wir waren nicht davon überzeugt, dass wir am Ende gewinnen und in drei, vier Jahren in Berlin sein würden. Ich wollte meinen Lesern unbedingt erzählen, warum es uns am Ende doch gelungen ist.

„Mein Leutnant“ heißt Granins soeben in deutscher Übersetzung erschienener Roman. In einer kristallklaren Sprache, ohne Schnörkel und Arabesken erzählt Granin davon, wie ihm seine Jugend im Alter von 22 Jahren im Krieg abhandenkam und welche Erkenntnisse ihm nun, gegen Ende seines Lebens, geblieben sind.

Die Angst war mein Lehrer. […] Eine Detonation warf nicht weit von mir einen blutigen Körper empor, etwas klatschte neben mir auf. […] ich bemühte mich, […] nicht hinzuschauen, ich schaute auf die grünen Halme, wo zwischen Gräsern eine rote Ameise kroch und eine blasse Raupe sich von einem Zweig herabhängen ließ. Im Gras ging das gewöhnliche sommerliche Leben weiter, langsam, wunderschön, vernünftig.

Daniil Granin, „Mein Leutnant“, S.16/17, Aufbau-Verlag , Übersetzung: Jekatarina Lebedewa

Wissen Sie, der Natur ist der Krieg zuwider. Der Krieg ist eine Erfindung der Menschen. Die Natur lebt nach ihren eigenen Gesetzen. Wir gehen immer davon aus, dass wir die Wichtigsten sind. Aber in Wirklichkeit ist es nicht so – eine Raupe ist wichtiger.

 

Granin erzählt in diesem Buch erstmals die noch unerzählten Geschichten dieses Krieges. Über die Schwarzmärkte zwischen den Fronten, die Besuche deutscher Soldaten in russischen Schützengräben oder jenen verschwiegenen Tag, an dem die Deutschen Leningrad ohne Mühe hätten einnehmen könne, es aber nicht taten. Doch ist dieser Roman mehr als „noch einem Buch“ über den Zweiten Weltkrieg.

Es geht mir um die wichtige Frage des psychologischen Zustands des Menschen im Krieg. Warum tun die Menschen, was sie tun? Im ersten Jahr des Krieges flohen wir. Wir waren ständig auf dem Rückzug. Dieses Gefühl der Erniedrigung, dieses Gefühl des Schreckens, dieses Gefühl der Panik. Wissen Sie, es ist eine Sache, im Kampf unterzugehen. Eine andere Sache ist es, wenn einem permanent in den Rücken geschossen wird.

Nein, über Politik will der Altmeister der russischen Literatur nicht sprechen. Zu sehr erinnert ihn die Situation in Russland wohl an Zeiten, die er schon einmal durchlebt hat. Doch es scheint, als wolle er mit „Mein Leutnant“ noch einmal  a l l e n   Kriegstreibern ins Gewissen reden. Auch und gerade jenen im eigenen Land, die den Heroismus seiner im Buch beschriebene Freunde, die im Krieg sinnlos geopfert wurden, heute für ihre Zwecke missbrauchen.

Produziert für WDR 5 Osteuropamagazin.