Polen: Die polnische Stadt Gliwice gedenkt den deutschen Juden Oberschlesiens

Jüdisches Begräbnishaus Gliwice

Es wird gebaut im schlesischen Gliwice, Gleiwitz, im Süden Polens. Aufwändig wird derzeit das einst prächtige jüdische Begräbnishaus wieder instand gesetzt und zu einem Museum der oberschlesischen Juden umgewidmet. Erinnert werden in der Einrichtung also vor allem deutsche Juden – denn die Region gehörte bis zum Zweiten Weltkrieg größtenteils zum Deutschen Reich.Doch mit der Ermordung durch die Nazis oder der Flucht hiesiger deutscher Juden ist offenbar auch das Interesse von deutscher Seite an deren reicher Geschichte in der Industrieregion verschwunden. Denn die Stadt Gliwice, die bislang die gesamten Baukosten von knapp 2 Millionen Euro trägt, hat auf ihre Nachfragen nach finanzieller Unterstützung durch deutsche Institutionen keine Rückmeldung erhalten.

Verwundert darüber ist nicht nur der Verantwortliche des städtischen Museums, sondern auch die kleine jüdische Gemeinde in Katowice. Ihre Mitglieder sind zwar fast ausschließlich aus dem Osten zugewanderte polnische Juden. Dennoch halten sie sowie kleine polnische Organisationen das jüdische Erbe in der Region wach – und beförderten die Entstehung des Erinnerungsortes in Gliwice. Ohne deutsche Hilfe.

Auf dem Außengelände des jüdischen Begräbnishauses in Gliwice geht der Bau voran. Die Arbeiter richten gerade die Wege rund um das im neogotischen Stil errichtete Bauwerk, das direkt an den jüdischen Friedhof angrenzt. Im Innern des rund 600 Quadratmeter großen Baus mag man indes kaum glauben, dass die Eröffnung des hier geplanten Museums und einer Bildungsstätte für Ende 2015 geplant ist. Die Glasfenster sind noch nicht eingesetzt, Deckenverzierungen und die Polychromie an den Wänden warten auf ihre Restaurierung. Bozena Kubit, verantwortlich für das museale Konzept, zeigt dennoch voller Vorfreude die geplanten Bestandteile der Einrichtung.

Im Museumsteil werden wir die Geschichte der oberschlesischen Juden seit dem Mittelalter bis zur Neuzeit zeigen. Es ist schön, dass wir es in diesen Räumen tun können, denn es ist eines der größten jüdischen Begräbnishäuser in Polen.

 

Grzegorz Krawczyk, Direktor des städtischen Museums, hat bislang vergeblich Unterstützung für das neue Museum samt Bildungsstätte gesucht. Zumindest im Ausland.

Der Stadtpräsident von Gliwice hat eine entsprechende Anfrage an einige Dutzend Organisationen und Institutionen in Deutschland und anderen Ländern gerichtet, die sich mit jüdischer Thematik befassen. Zur Frage einer finanziellen Unterstützung gab es keine einzige positive Rückmeldung. Dennoch kann ich mir gar nicht vorstellen, diese Einrichtung zu führen, ohne deutsche Partner einzubeziehen. Inzwischen haben wir erste vorsichtige Signale etwa vom Jüdischen Museum in Berlin oder dem Leo-Baeck-Institut, bei Projekten zusammenzuarbeiten.

Auch im Inland wurden Mittel beantragt, doch auch hier gab es bislang Absagen. Lediglich die Dauerausstellung wird vom polnischen Ministerium für Nationales Erbe finanziert, die Baukosten von knapp zwei Millionen Euro trägt hingegen die Stadt. Das 180.000 Einwohner zählende und wirtschaftlich gut aufgestellte Gliwice dürfte diese Investition ohne Mühe schultern. Ohnehin versucht die Stadt derzeit mit etlichen Investitionen zur 30 Kilometer entfernt gelegenen, regionalen Hauptstadt Katowice aufzuschließen.

Hier in Katowice gibt es kein jüdisches Museum. Doch Wlodzimierz Kac kann viele Namen von Juden aus der Region nennen. Kac ist Vorsitzender der jüdischen Konfessionsgemeinde, deren Büro die Anliegen von gut 100 Juden aus der Region vertritt. Auch dem engagierten Ehrenamtler fällt das Desinteresse von deutscher Seite am jüdischen Erbe der Region ins Auge – dabei ginge es Kac gar nicht um das Finanzielle.

Es ist traurig, denn es gibt etwa bei unterschiedlichen Jahrestagen keine Vertreter von deutscher Seite, die zum Beispiel zu den Gräbern deutsch-jüdischer Soldaten kommen würden, die im Ersten Weltkrieg fielen. Dabei fühlten sich einst diese deutschen Juden kulturell mehr mit Deutschland verbunden, als mit den Juden aus dem Osten oder Russland. Dennoch sind es heute polnische Juden und andere Polen, die aus dem Osten herzogen, sowie die Schlesier aus dieser Region, die nun das Erbe der deutschen Juden entdecken.

 Kac verweist gerne auf vier jüdisch-deutsche Nobelpreisträger, die aus der Region stammten, darunter Maria Goeppert-Mayer und Otto Stern, beide Physiker. Und er betont die heutige Rolle polnischer Privatleute, Vereine und Stiftungen, die das neue Museum in Gliwice mit initiiert hätten. Eine dieser Organisationen ist Brama Cukermana. Piotr Jakowenko ist einer ihrer Aktiven, er arbeitet zugleich als Grafiker in einem dreiköpfigen Team, das für die visuelle Gestaltung der Dauerausstellung verantwortlich zeichnet.

Das Hauptaugenmerk der Dauerausstellung wird auf dem Beitrag der oberschlesischen Juden in die Entwicklung der Region liegen. Denn sie beförderten maßgeblich die hiesige Schwerindustrie, den Bau der Städte und hatten großen Beitrag in Literatur und Kunst.   

Heute gibt es in dem seit 1934 im Zentrum von Gliwice ansässigen städtischen Museum einen Workshop für Kinder, sie basteln Osterpalmen. Die Kleinen wissen noch nicht, dass die im Renaissancestil errichtete Villa, das heutige Museum, einst dem deutsch-jüdischen Industriellen Oscar Caro gehörte. Nur ein paar Straßen weiter lebte die jüdische Familie Troplowitz, ihr Sprössling Oscar Troplowitz ging von hier aus nach Hamburg, wo er den Beiersdorf-Konzern aufbaute und die Nivea-Creme erfand. Immer mehr Nachfahren von solch bekannten und weniger bekannten Juden, sagt Museumsdirektor Grzegorz Krawczyk, suchen in der Region ihre Spuren.

Die Hilfe bei dieser Ahnensuche wird natürlich auch ein Bestandteil der Arbeit des neuen Museums im ehemaligen Begräbnishaus sein. Es ist unsere menschliche Pflicht gegenüber diesen Menschen. Denn es ist ihre Geschichte, genauso wie es jetzt unsere Geschichte ist.

Produziert für Deutschlandfunk Kultur heute.