Mörder als Gärtner

Über Martin Pollacks „Kontaminierte Landschaften“

Buchcover_Kontaminierte Landschaften

Landschaften können in uns Gefühle der Vertrautheit, der Geborgenheit und der Ruhe hervorrufen. Sie sind unschuldig. Aber sind sie das wirklich? Nein, meint der bekannte österreichische Autor Martin Pollack. Die meisten Landschaften, vor allem die im Osten Europas, aber auch hier bei uns, in Deutschland oder Österreich, so seine These, haben längst ihre Unschuld verloren. Angesichts sanfter Hügel, adonisröschenbewachsener Hänge oder sonnendurchschienener Buchenwälder vergessen wir nur allzuoft, dass in vielen unserer Landschaften unsägliche Verbrechen verübt wurden – meist im Verborgenen und fast immer unter strenger Geheimhaltung. Und viele dieser Orte sind bis heute nicht einmal bekannt. Martin Pollack begibt sich in seinem neuesten Buch auf die Suche nach solch „Kontaminierten Landschaften“. Mirko Schwanitz über das Buch und seinen Autor.

Seit Jahren beschäftigt sich der österreichische Autor Martin Pollack mit Geschichte. In seinem neuesten Buch geht es um trügerische Idyllen, um – wie der Titel es ankündigt – „Kontaminierte Landschaften“.

Damit meine ich Landschaften, die Orte massenhaften Tötens waren. … Und nach dem Massaker unternehmen die Täter alle erdenklichen Anstrengungen, um die Spuren zu tilgen. … Solche Stätten, an denen Mörder und ihre Gehilfen zu Gärtnern, zu Landschaftsgestaltern wurden, gibt es viele in Mittel und Osteuropa, im Osten noch mehr als im Westen. „Kontaminierte Landschaften“, Residenz-Verlag, S. 21.

Im Prinzip ist das ja sehr naheliegend. Wenn ich Leichen verschwinden lassen möchte, dann muss ich schauen, dass ich das irgendwie verdecke. Also was mach ich? Da tu ich irgendetwas pflanzen. Und das war wirklich eine Aufgabe von Landschaftsgärtnern, und dann tut man´s aufforsten, tut da Jungwald pflanzen, tut Wiese pflanzen, was immer, um das halt möglichst dann natürlich wieder erscheinen zu lassen.

 

In Treblinka oder Belzec in Ostpolen, schreibt Pollack, wurde die Erde über Massengräbern von 1,3 Millionen Menschen zuerst umgeackert, dann wurden Lupinen gesät, später Jungwald gepflanzt. Solche Geschichten erzählt uns Pollack – faktenreich, fast dokumentarisch und doch immer gebrochen durch eigene, sehr persönliche Erfahrungen. Etwa, wenn er davon erzählt, wie Alte sich bis heute erinnern, dass Pflanzen sich an solchen Orten nur allzuoft weigerten, zu wachsen. Und wie solche Erfahrungen ihren Widerhall noch in der heutigen Alltagssprache finden.

Wenn man in in Wien dahingeht, stolpert, sagen alte Leute gern, da liegt der bucklige Jude begraben, nicht?! Oder bei mir in Oberösterreich, sagt man von einem Feld, wenn das irgendwie kahl ist, dann sagen die Bauern oder haben früher gesagt, da liegt ein Jud begraben, nicht.

Eine von Pollacks Geschichten spielt in seinem eigenen Garten und war Anlass und Auslöser für dieses Unruhe stiftende Buch.

Es mag morbid klingen, aber manchmal, wenn ich auf meine Streuobstwiesen schaue, überlege ich, was sie wohl verbergen mögen? Was kommt zutage, wenn ich auf dieser Blumenwiese zu graben beginne? Stoße ich dann auf Knochen, auf Telefondraht, mit dem Hände zusammengebunden wurden, auf zerfallene Reste von Schuhen und Kleidern? Vor ein paar Jahren fand ich in meinem Gemüsegarten, tief in der Erde steckend, eine Gabel. Eine Gabel der Waffen-SS, gefertigt aus bestem rostfreien Stahl … „Kontaminierte Landschaften“, Residenz-Verlag, S. 80.

Martin Pollack

Martin Pollack

Wenn immer du in der Erde gräbst, hast Du eine gute Chance, dass du auf irgendwelche Spuren der Vergangenheit stößt und damit meine ich nicht römische Münzen, leider, sondern dass du auf irgendwelche Grauslichkeiten kommst. Und da gehört diese Gabel zweifellos dazu, nicht. Das hängt einfach damit zusammen, dass hier unglaublich viele Dinge passiert sind, die dann zugedeckt wurden. Erde drüber! Vergessen mir´s! Wächst Gras darüber – sprichwörtlich.

Pollack spannt den Bogen vom märchenhaften Gottscheer Hornwald in Slowenien über das weißrussische Kurapaty bis nach Katyn. Von Belcez in Ostpolen über seinen Garten bis ins die Weinfelder des burgenländischen Örtchens Rechnitz, in dem sich jahrzehntelang niemand an ein Massengrab von 200 erschossenen ungarischen Juden erinnern wollte.

Also mein Wunsch ist, dass es vielleicht eine Diskussion auslöst. …. Also ich rechne auch damit, dass mir irgendwelche Leute sagen, ja, um Gottes Willen, da bauen wir wunderbaren Wein an, wir wollen mit den toten Juden nix zu tun haben, erwähnt‘s, bittschön, nicht Rechnitz in diesem Zusammenhang. Da erwarte ich mir eine Diskussion, erwarte mir auch, dass ich vielleicht geprügelt werde. .. So soll’s sein.

Mit diesem Buch geht es Martin Pollack darum, eine wahrhaftigere Landkarte Europas zu zeichnen. Einer Landkarte, in der Erinnerung und Verortung an die Stelle vergifteter Geheimnisse und anonymer Gräber treten. Pollack fordert dazu auf, dass wir uns erinnern – an Tausende namenloser Roma, Juden oder Partisanen, deren Namen nicht in die Kriegerdenkmäler unserer Dörfer gemeißelt sind. Ein nachdenklich machendes und gerade deshalb wichtiges Buch ist Martin Pollack da gelungen.

Produziert für BR 2 Kulturwelt.