Mircea Cartarescu liest in Heidelberg

Mircea Catarescu Die FlügelAm 8. November wird Mircea Cartarescu Rumäniens derzeit wohl international bedeutendster Gegenwartsautor in Heidelberg aus seinem neuen Roman „Die Flügel“ lesen. 25 Jahre nach der Revolution in seinem Heimatland zieht Rumäniens wortgewaltiger Sprachzauberer eine bittere Bilanz. „Die Arbeit an diesem Buch habe sich nur ertragen können, in dem ich zwischendurch andere, optimistischere Bücher schrieb“, sagte er in einem Interview. „Die Flügel“ ist nicht nur erneut ein sprachliches Meisterstück des Postmodernisten und vielleicht letzten Surrealisten der rumänischen Literatur, sondern auch eine beißende Groteske, in der sich Cartarescu mit merkwürdigen Metamorphosen in seiner Heimat auseinandersetzt.Was seine letzten Romane bereits andeuteten, in seinem neuen Buch wird es nun vollends offensichtlich – seit den 90er Jahren hat sich Rumäniens bedeutendster Gegenwartsautor zunehmend politisiert. Mirko Schwanitz hat ihn in Bukarest getroffen – an einem für einen Autor eher ungewöhnlichen Ort.

Die alte und angesagte Trinkhalle der Brauerei „Cara cu Bere“ ist voll. Mircea Cartarescu, Rumäniens wichtigster Gegenwartsautor liebt diesen Platz. Die Gesichter der Menschen hier, sagt er, seien ein Abbild der Stadt. Cartarescu selbst ist in Bukarest geboren, doch sein Verhältnis zur rumänischen Hauptstadt ist gespannt.

Ich empfinde für Bukarest eine Art Hassliebe. Wenn ich Fotos des bombardierten Berlins aus dem Jahr 1945 sehe, dann stelle ich überhaupt keinen Unterschied zu den heutigen Boulevards der rumänischen Hauptstadt fest. Wir fragen uns alle, wie ist es möglich das das Zentrum einer Hauptstadt der Europäischen Union aussehen kann wie nach einem Bombardement.

 

Cartarescu überspitzte und pointierte Beobachtungen, haben ihm nicht nur Freunde eingebracht. Soeben ist in Deutschland der dritte und letzte Teil seiner Orbitor-Triologie erschienen. In „Die Flügel“ blickt er auf den Sturz des einstigen Diktators Ceausescus zurück und erzählt vom Aufbruch in eine neue Zeit.

Die rumänische Gesellschaft wurde nicht geheilt nach dieser Revolution. Nach den 90igern herrschte hier die komplette Anarchie. Schlimmer noch, heute sind die alten Apparatschiks die größten Kapitalisten.

Wegen solcher Einschätzungen sieht so mancher Politiker in ihm nicht den den großen Dichter und Schriftssteller, sondern eher den Vaterlandsverräter. Doch das ficht Cartarescu nicht an. Zu sehr hat sich die Wut angestaut in dem Mann, der seit seiner Kindheit eigentlich nichts anderes wollte als Gedichte schreiben und ausbrechen aus einer Welt, die ihn von klein auf mit Trostlosigkeit und Zerstörung konfrontierte.

Meine Eltern waren eigentlich arme Landarbeiter. Sie waren damals nach Bukarest gebracht worden, weil sie die industriellen Pläne des Regimes verwirklichten sollten. Sie verloren ihre traditionelle Art zu leben, vereinsamten und wohnten fortan in einer Art Niemandsland. Das ist das, was ich mein „Hinterland“ nenne.

Über die Entstehung, vor allem aber die Nachwirkungen dieses „Niemandslandes“ bis ins 20. Jahrundert handelt Cartarescus wunderbar phantastisch-surealer Roman „Die Flügel“. 25 Jahre nach den Umbrüchen in Osteuropa schaut er zurück auf Kindheit und Erwachsenwerden im damals „dunkelsten Land Europas“. Überlebt habe er seine Kindheit eigentlich nur dank der Poesie.

Ich schrieb schon immer Gedichte. Poesie ist meine Art, die Dinge zu sehen. Bis zur Revolution war ich eine völlig unpolitische Person, ich war kein Andersdenkender, ich versuchte einfach mit aller Kraft das Regime nicht zu beachten.

Das sei ihm heute unmöglich angesichts gewendeter Securitate-Offiziere, die es bis ins Europäische Parlament schafften. Sicher, meint Cartarescu, als Literat könne er nicht viel bewirken. Wenn ein Autor in einer Gesellschaft aber schon einmal Gewicht besitze, dann muss er es für eine bessere und gerechtere Welt in die Waagschale zu werfen. Sagt es – und wischt sich den Bierschaum vom Mund.

Produziert für SWR 2 Journal.