Miloš Kozon: Der Drehorgelkrieger vom Brandenburger Tor

Drehorgelkrieger Milos Kozon

Kein anderer Ort ist so sehr Monument der früheren deutsch-deutschen Teilung und gleichzeitig das Symbol des vor 25 Jahren zu Ende gegangenen Kalten Kriegs: das Brandenburger Tor in Berlins Mitte.1989 feierten tausende Deutsche beider Staaten an und auf dem Tor das Ende des DDR-Regimes. Und genau hier steht heute Tag für Tag der Drehorgelspieler Miloš Kozon. Der ist inzwischen selbst ein Wahrzeichen vor Berlins begehrtester Sehenswürdigkeit. Ein Beitrag von Maximilian Grosser.

Hoch oben auf dem Brandenburger Tor thront die Siegesgöttin Viktoria und blickt hinab auf den Trubel zu ihren Füßen – ein begehrtes Fotomotiv von tausenden Touristen. Doch mindestens genauso oft wie sie sich mit dem geschichtsträchtigen Monument ablichten, lassen sie sich mit einem Mann vor dem Tor fotografieren. Der Mann steht an einer Drehorgel. Mit seinen schwarzen Lackschuhen, dem feinem Tweed-Anzug, Hut und Schleife sieht er aus wie eine Figur aus Alfred Döblins Großstadt-Hommage „Berlin Alexanderplatz“.

Das sind Al-Capone-Schuhe. Das passt zusammen alles, ein bisschen alt. Ich kann hier nicht mit Jeans stehen und Orgel spielen. Das gibt es nicht.

 

Der Mann heißt Milos Kozon. Fast jeden Tag schiebt er seinen Leierkasten vors Brandenburger Tor – und wird sofort von Touristen umringt.

Ich gucke Internet, was kann man verbessern. Ich möchte die Beste sein. Ich bin wie ein Fanatiker mit diese Orgel. Die Kleidung ist nicht so einfach kaufen. Wenn was kaufen im Internet vom Maskenshop und so das ist alles Attrappen.

Milos Kozon – ein begehrtes Fotomotiv

Was ihn zu einem ebenso beliebten Fotomotiv wie das Brandenburger Tor macht, ist nicht nur seine Kleidung. Es ist sein Gesicht. Das ist bedeckt mit filigranen Tattoos, die wirken wie die Kriegsbemalung neuseeländischer Ureinwohner. Kozon ist der Drehorgelkrieger, erinnert an die verruchten Goldenen Zwanziger und zugleich an die Berliner Clubkultur und ihre Undergroundparties.

Manche extra zahlen dafür, extra machen Foto mit mir. Gibt’s ein Prozent von Leute, die sagen, als Drehorgelspieler mit Tattoo, das ist nicht gut. Wenn ich fahre mit die Orgel durch die Stadt, gucken die alten Leute. Die immer sagen oh, das sieht gut aus, schick. Alle kucken und lächeln, die winken um mich die Leute. Ein schönes Gefühl.

Auch die Touristen lieben Miloš Kozon. Trällert seine Drehorgel  Walzer von Johann Strauss, beginnen einige sogar zu tanzen. Die passende Musik hat er immer.

Wenn kommt zum Beispiel Holländer, habe ich holländische Musik von Amsterdam. Guck mal, hier sind jetzt Kinder, ich habe extra für die Kinder gestern eine Rolle gekauft, Kinderlieder. Ich probiere gleich jetzt. Mal sehen was das bringt.

Kozon stammt aus der Ostslowakei. Ende der Neunzigerjahre reiste er als Backpacker quer durch Europa. Am Schluss blieb er in Berlin hängen. Er war Klavierspieler, stand als Berliner Bär verkleidet vor Touristenattraktionen. Eine Zeit lang hat er hier selbst fotografiert und Bilder an Touristen verkauft. Seit dem Jahr hat er es wahrscheinlichen zum meist fotografierten Leierkastenmann Europas gebracht, ist selbst zur Attraktion geworden. Eine Rückkehr in seine Heimat kommt für ihn nicht in Frage – seine Familie könnte er dort nicht ernähren.

Da gibt es keine Arbeit. Es gibt Arbeit, aber nur für 400 € monatlich. Wir kriegen noch Kindergeld in der Slowakei, aber das ist wenig, das reicht nicht für Essen. Ich lebe nur von meiner Drehorgel.

Zwei Kinder hat Milos Kozon. Sein Instrumenten sichert seiner Familie nicht nur ein gutes Auskommen. Inzwischen lädt ihn sogar die Berliner Staatsoper zu Auftritten ein. Mit seinem Leierkasten trat er in einer Inszenierung mit der Musik des Avantgarde-Komponisten Karl-Heinz Stockhausen auf. Der Titel des Werks hätte passender nicht sein können: „Originale“ heißt es – wie Kozon eines ist im Schatten des Brandenburger Tors.

Produziert für SRF Kultur.