Mesopotamien – der neue Roman von Serhij Zhadan

„Anarchy in the U.K.R“, “Depeche Mode”, Hymne an die demokratische Jugend”, „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ – die Romane des ukrainischen Autors Serhij Zhadan sind in seiner Heimat allesamt Kult. Ebenso wie seine Auftritte mit der Band „Sobaki v Kosmosje“ – was so viel heißt wie „Hunde im Weltall.“ Serhij Zhadan „ist mehr als ein Autor. Er ist ein Unikum, beliebt im ganzen Land. Er tritt in der Westukraine ebenso auf wie im Donbass. Und wo er hinkommt, hören die Menschen ihm zu. Als er mit seinen neuesten Roman „Mesopotamien“ beendet hatte, war an den Maidan nicht zu denken. Als er mit ihm auf Lesereise ging floss in Kiev schon das Blut. Meine Bücher, sagt er sind unpolitisch, aber irgendwie haben sie das Pech, ständig von der Politik eingeholt zu werden. Nun (08.08.2015) ist „Mesopotamien“ auch in deutscher Übersetzung erschienen. Mirko Schwanitz hat das Buch gelesen und sich mit Serhij Zhadan getroffen.

Es ist ein sonniger Tag in Kamjenez-Podilsk. Auf dem Marktplatz der Stadt nahe der ukrainisch-rumänischen Grenze herrscht Volksfeststimmung. Serhij Shadan steht auf einer Bühne, rezitiert Gedichte.

30 Städte wird Serhij Zhadan am Ende der Tour besucht, 100 Lesungen absolviert haben. Nicht nur hier im Westen der Ukraine, wo alles friedlich ist, auch in den Gebieten im Osten, dort wo gekämpft wird. Serhij Zhadan ist einer, dem alle zuhören. Doch eine Volksfeststimmung wie vor der Bühne in Kameniez-Podilsk sei bei Lesungen derzeit eher die Ausnahme.

Viele Leute heute weinen in Literaturlesungen. Und das ist schrecklich. Wenn du sprichst mit diesen Leuten ist es wie, als wenn diese Leute keine Haut haben. Studenten reagieren so, Journalisten reagieren so, das Literaturpublikum auch. Sehr scharf ist Reaktion, sehr scharf, weil, wir wohnen in solche Atmosphäre: Stress, Kriegssituation schon mehr als ein Jahr. Für viele Leute, das ist sehr, sehr schwer

Soeben ist Serhij Zhadans neuester Roman in deutscher Übersetzung erschienen. In „Mesopotamien“, so der Titel des Buches, entwirft Zhadan die Utopie einer Stadt, in der alle Menschen, miteinander auskommen. Den Krieg im Osten der Ukraine? Ist in „Mesoptomanien“ noch Zukunft  – undeutlich, nicht fassbar, wenig real….

In diesem Buch gibt es keine Politik. Doch steht sie immer als Hintergrund für die Emotionen meiner Helden. Das Buch erschien in der Ukraine im dritten Monat des Kiewer Maidans. Wir glaubten, dass wir uns mit friedlichen Demonstrationen von einer korrupten Oligarchie befreien könnten. Mit diesem Gefühl machte ich mich damals auf den Weg zu Lesungen im ganzen Land. Dann fuhr ich in die Westukraine und überall auf den Bildschirmen gab es Blut, Schießereien und Opfer.

Die Fenster von Zhadans Wohnung gehen in drei Richtungen. Von hier aus hat er all die Plätze seines neuen Romans im Blick. Die rostbraun verwitterten Ziegel des Hauses, in dem seine Hauptfigur Marat wohnte, den Hof, in dem sich Marats Freunde treffen, nachdem der von einem Irren erschossen wurde. Nicht in Kriegs-, sondern in Friedenszeiten.

Mir scheint, ich habe die Atmosphäre einer Zwischenzeit eingefangen. Die Zeit, in der sich all das zusammenbraute, das später im Maidan kulminierte.  00:28.34 In den Städten, in denen ich las, hatten Aktivisten die Macht übernommen. Es waren seltsame und dramatische Tage. Und alle verstanden, dass etwas Hässliches passiert.

Wer mit Lesern Serhij Zhadans in der Ukraine spricht, wird immer wieder hören, dass er ein Schriftsteller ist, dessen Werke Stimmungen transportieren, die sich auch als Prophezeiungen lesen ließen. Und das das einen Großteil seines Erfolgs ausmacht. In einer Szene seines neuen Romans lässt er seinen Ich-Erzähler Wanja über Dascha erzählen, jene Frau, der er verfallen ist.

Alles, was ich über diese Stadt wusste, wusste ich von ihr. Sie  Erzählte mir von den unterirdischen Gängen, beschrieb die metallenen Drachen, die in den Straßenbahndepots Feuer atmeten- Sie berichtete von Messern und Schwertern, die in alten Fabriken hergestellt wurden. Sie erzählte, wie das Wasser im Frühjahr die Fundamente der alten Sanatorien unterspülte, die Flüsse rot wurden und nach Medikamenten rochen  Außerdem sagte sie, dass auf der Straße wieder geschossen werde, und niemand die Absicht habe, sich zu ergeben. Es ist eine Ironie, dass die Politik in meinen Büchern abwesend ist, ich aber das Pech habe, dass meine Bücher immer wieder von der Politik eingeholt werden. Das ist eine sehr bittere Ironie.

Und so kamen die Leute kamen zu meinen Lesungen nicht um mein Buch zu hören, sondern um miteinander zu sprechen. Literatur wurde zur Therapie.

Serhij Zhadans neuer Roman friert eine Zeitspanne ein, in der irgendwie noch alles möglich schien. In der er mit seiner Band „Sobakie w Kosmosje“ auf dem Maidan auftrat und danach Geschichtsprofessoren oder Autoschlosser die Bühnen betraten. In der die Zukunft der Ukraine noch offen und ein Krieg nicht denkbar war. In der tatsächlich eine Utopie hätte möglich werden können. Es wird wichtig sein, sich daran zu erinnern, sagt Zhadan.

Die Gewalt hat gewonnen. Alles endete mit dem Tod und keine kulturelle Initiative konnte das verhindern. Das ist die Lehre, über die wir nachzudenken haben. Darüber, dass kultureller Widerstand zwar wichtig ist, am Ende aber doch die Gewalt über alles entscheidet. Die heutige Politik ist so verfasst, dass sie lieber auf Waffen statt auf Kultur setzt.

Und was bedeutet das nun für ihn als Schriftsteller? Zhadan überlegt kurz, dann lächelt er und sagt

Das Fazit ist, das der Schriftsteller immer bereit sein muss. Er darf keinerlei Illusionen haben. Aber auch keine Angst.

Serhij Zhadan, „Mesopotamien“, übersetzt von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr, 362 Seiten, 22,95 Euro

Produziert für WDR 5 Scala.