Märkische Macher: Der Herr der Kerzen – Klaus-Peter Klenke

Klaus-Peter Klenke, Kerzenzieher

 

Vielen kleine Unternehmer verändern Brandenburg. Sie geben anderen Menschen Arbeit und verhindern so, dass noch mehr Fachkräfte abwandern. Und natürlich gbt es da auch Unternehmer, die mit pfiffigen Ideen und Durchhaltevermögen einfach nur sich selbst und ihre Familien ernähren. Oder solche, deren Potential von Investoren einfach nicht erkannt wird, die nicht ausreichend gefördert werden, ob wohl sie es doch verdient hätten. Mirko Schwanitz hat sich aufgemacht, ist über Land gefahren, um solche außergewöhnlichen und interessanten Menschen zu treffen. Begleiten wir ihn also zu einem ganz besonderen „Märkischen Macher“ – einem brandenburgischen Traditionsunternehmer.

Die Sonne scheint, als ich von der Autobahn abbiege, durch Bad Belzig fahre und an der bezaubernden Wiesenburg vorbei. Sie wissen es schon – wir sind im Fläming. Und wenn man hier nicht aufpasst, dann ist man ganz schnell vorbei an einem der traditionsreichsten Unternehmen Brandenburgs. Eines, dass uns Licht bringt – warmes Licht. Ein Licht, auf das wir – im Zeitalter der Elektrizität – nicht verzichten möchten.

Wir sind jetzt natürlich in der Nachsaison. In der Kerzennachsaison. So darf man das gut und gerne sagen, denn der Mai ist noch immer ein bißchen mit Konfirmationskerzen, mit Hochzeitskerzen beseelt. August fangen wir dann wieder an mit der Weihnachtsproduktion.

 

 

Klaus-Peter Klenke ist Inhaber der Buchal-Kerzenfabrik in Reetzerhütten gleich hinter Wiesenburg. Wer glaubt, dies sei eine Kerzenfabrik wie jede andere, der erkennt seinen Irrtum schnell. Spätestens dann, wenn er vor einer großen Maschine steht, der man ansieht, dass sie – nun ja – zumindest älter als man selbst ist…

Dieses Gerät ist schon über 100 Jahre alt. Das ist eine Handzugbank, mit der Kerzen im Durchmesser bis zu drei Zentimeter gezogen werden können. Mit dieser Methode, wurden die Kerzen schon im Mittelalter in den Klöstern von den Mönchen, von den Nonnen hergestellt.

Klaus-Peter Klenke ist – gewissermaßen – neben dieser Maschine großgeworden.

Die Mitarbeiter drehen hier an diesen großen Rädern, ziehen den Docht von der rechten Trommel durch das Bad auf die rechte Seite. Ja, und wenn man an diesem Handrad dreht, dann kann man daneben den Kinderwagen stellen, und wenn ich dann mal geschrieen habe, dann wurde mal wieder geschüttelt und gerüttelt. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern…

Großvater, Harry Buchal, hatte die Fabrik während des Krieges aus Berlin hierher evakuiert. 80 Prozent des gesamten Bienenwachsbedarfs der deutschen Wirtschaft wurden damals von Imkern aus dem Fläming gedeckt. Und so kannte der Großvater die Gegend um Reetzerhütten gut. In der DDR wurde Harry Buchal enteignet, durfte den Betrieb aber bis zu seinem Tod weiterleiten. Seine Tochter, eigentlich gelernte Buchhändlerin, übernahm danach die Verantwortung. Sohn Klaus-Peter wurde zunächst Chemiefacharbeiter, später studierte er dieses Fach. Seit 1985 ist er im Betrieb, dessen Inhaber er heute ist.

M.S. Was macht die Mitarbeiterin? Sie übergießt lange Kerzen mit Wachs? H-D.Kl. Das ist korrekt. Mit dieser Handzugbank werden Rohlinge hergestellt, also Kerzenstücke, die einen Meter, 1,20 Meter lang sind. Diese Stücke hängen wir an dieses karussellartige Gerät auf und die Kollegin gießt nun immer wieder Wachs drüber, bis sie dann am Ende den entsprechenden Durchmesser erreicht hat.

Eine halbe Stunde lang übergießt die Mitarbeiterin in Handarbeit Kerze für Kerze mit heißem Wachs. Bis alle Kerzen am Karussell eine Dicke von acht Zentimetern erreicht haben, wird es am Ende drei Tage dauern. So entstehen Kerzen mit langer Brenndauer und von außergewöhnlicher Qualität. Und die spricht sich rum – bis zum Vatikan in Rom. Als Papst Johannes Paul II 1996 zu seiner Messe im Berliner Olympia-Stadion eine Kerze anzündete, war es – natürlich – eine Buchal-Kerze! Im Prinzip gibt es kaum mehr einen Menschen auf der Welt, der noch  k e i n e   Buchal-Kerze gesehen hat:

Wir haben hier ein Stück Kerze, die hat Rillen. Wenn sie das sehen? Hier eine Rille und dort eine Rille. Außen werden Seile eingearbeitet. Ja, Sie gucken mich ein wenig verdutzt an, aber die Hörer, die werde es alle schon einmal gesehen haben. Das sind nämlich Harry Potter-Kerzen, die in der Halle hin und her fliegen. Die kommen an Seile, werden dann angezündet, die Seile sieht man natürlich nicht und dann sieht es aus als ob sie schweben….

Wer erinnert sich nicht an die berühmte Hallenszene in Hogwarts Speisesaal, wo der „Sprechende Hut“ die Erstklässler begrüßt und abertausende Kerzen über den Köpfen der Ankömmlinge schwebten. Sie waren also nicht einfach in den Film hineinanimiert. Jede einzelne wurde für den Harry-Potter-Film hier in der brandenburgischen Buchal-Kerzenfabrik hergestellt. Ebenso übrigens wie die Kerzen für Filme wie  „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, Tom Tykwers „Cloud-Atlas“ oder Wes Andersons Oscar-prämierten Film „Grand Hotel Budapest“. Doch woran erkennt der Kunde, dass eine Kerze Buchal-Qualitäten hat? Eine Qualität also, dass Kirche, Papst und berühmte Filmemacher hier einkaufen. Klaus-Peter Klenke nimmt eine Kerze in die Hand:

Leider hat er da ganz wenige Chancen. Diese Kerze hier wiegt 250 Gramm. Die hat bei meinem Großvater 250 Gramm gewogen. Die wiegt auch bei uns noch 250 Gramm.

Heutzutage ist die Industrie in der Lage, Kerzen exakt gleicher Größe aus Wachskrümeln zu pressen, die nur noch 150 Gramm wiegen. In China wird Paraffin wie Schlagsahne aufgeschlagen und in Formen gegossen. Am Ende erhält man wieder die gleiche Kerzengröße, nun mit einem Gewicht von nur noch 50 Gramm. Übertaucht man die drei auf so verschiedene Art hergestellten Kerzen mit roter Farbe, lassen sie sich mit bloßem Auge nicht mehr unterscheiden. Einen Tipp hat der Experte für mich dann doch noch:

Hab ich ein bißchen Gewicht in der Hand, dann kann ich davon ausgehen, dass ich eine gezogene Kerze habe, ein gutes Produkt, was richtig schwer und einigermaßen vernünftig ist.

 

 

Produziert für rbb Märkische Wandlungen.