Lettlands kulturelles Erbe

Rettungsmission für deutschbaltische Herrenhäuser

Herrenhaus Kuksumuiza

Herrenhaus „Kukšu muiža“

Wie steingewordene Vergangenheit stehen rund 1400 alte Herrenhäuser und Schlösser in Lettlands schönsten Naturlandschaften. Die Häuser zählen inzwischen zum vielbeachtetem Kulturerbe des Landes. Doch die arme Baltenrepublik hat wenig Geld und so sind die meisten der architektonischen Juwele dem Verfall preisgegeben. Eines der wenigen, für das das nicht zutrifft ist „Kukšu muiža“. Auch diese riesige Villa, dämmerte einem langsamen Tod des Verfalls entgegen – bis der Deutsche Daniel Jahn sich in das Gemäuer verliebte. Inzwischen hat der ehemalige Hoteldirektor dem Gebäude wieder das gemacht, was es einmal war – eines der schönsten Herrengüter unweit der Hauptstadt Riga. Bislang ist das aber noch ein Tropfen auf den heißen Stein, um das kulturelle Erbe zu bewahren.Ein Beitrag von Toms Ancitis und Mirko Schwanitz.

Um das knapp 300 Jahre alte Herrenhaus von Kukschas erstreckt sich ein herrschaftlicher, neun Hektar großer Landschaftspark. Unter den üppigen Kronen von Eichen und Buchen schlendern viele Touristen aus vielen Ländern, auch aus Deutschland. Dass das alte deutschbaltische Anwesen heute wieder interessierten Kulturtouristen offensteht, daran wäre vor 14 Jahren noch nicht zu denken gewesen. Damals entdeckte der Deutsche Daniel Jahn das Anwesen.

Von ferne hat das Haus wie ein Märchenschloss ausgesehen. Dann ist man nahe gekommen und dann hat man natürlich einen Schock bekommen. Die Fenster waren leere Löcher, das Dach war kaputt, die Wände waren eingefallen. Es war eine Ruine fast.

 

Jahn erwarb das verfallene Schloss für knapp dreißigtausend Euro. Er begann in Archiven zu recherchieren, bat erfahrene Restauratoren um Hilfe. Dann begann das, was er heute als seine Mission bezeichnet. Die Rettung eines Stücks deutschbaltischer Kultur. Inzwischen hat Jahn mehrere Millionen Euro investiert. Prunkvoll restaurierte Räume und die freigelegten Wandmalereien erzählen heute wieder von jener Zeit, in der deutschstämmige Kaufleute und Barone über die Ländereien wie Feudalherren herrschten. Rund 1200 ihrer früheren Herrengüter stehen wie steingewordene Zeugen dieser Kulturepoche in Lettlands schönsten Naturlandschaften. Es hat lange gedauert, bis wir dieses kulturhistorische Erbe für uns entdeckten, sagt der Kunsthistoriker Ojars Sparitis.

Wir haben ca. fünfhundert Herrenhäuser von bestimmter Bedeutung. Und von diesen fünfhundert ist die Eigentumsfrage nicht richtig gelöst. Sehr viele Herrenhäuser gehören der Gemeinde. Einige gehören dem Ministerium für Bildung und Wissenschaft, weil in vielen solchen Herrenhäusern auf dem Lande sind Grundschulen drin.

Doch stehen viele dieser Dorfschulen inzwischen vor der Schließung und damit einem ungewissen Schicksal. Deswegen setzen viele Gemeinden ihre Hoffnung auf mutige Investoren wie Daniel Jahn. Allerdings können nur wenige die nach dem Kauf notwendigen hohen Sanierungs- und Unterhaltskosten aufbringen. Auch, weil die ursprünglichen Ländereien von mehreren tausend Hektar heute nicht mehr zu den Anwesen gehören.

Wenn man kein Land, keine Wirtschaft, keine Forstwirtschaft, keine Weinbrennerei hat, ist ein Gutshaus nicht zu erhalten. Es gibt in Lettland manche Beispiele, dass wohlhabende Leute aus Kalifornien oder Exil-Letten aus Australien solche Herrenhäuser erworben haben. Die investieren dort Millionen, ohne das zurück zu bekommen.

Doch den meisten dieser Investoren fehlt das Verständnis für das mit den Häusern verbundene kulturelle Erbe. So manch deutsch-baltisches Herrenhaus wurde zum kitschigen Prunkbau, klagt Juris Zviedrans, Vorsitzender des Vereins der Schlösser und Herrenhäuser Lettlands. Ein Problem habe man auch mit russischen Käufern. Weil die Baltenrepublik jedem einen Schengen-Pass garantiert, der in das Land investiere, kaufen reiche Russen Teile des deutsch-baltischen Kulturerbes, ohne die Absicht es zu restaurieren. So geschah es auch mit dem Gutshof von Popervale, 50 Kilometer nordwestlich von Riga. In einem Cafe, unter einer laut rumorenden Klimaanlage, legt Juris Zwjedrans Fotos einer Ruine auf den Tisch.

Irgendwelche Unternehmer aus Russland haben vor einiger Zeit dieses Herrenhaus – ein architektonisches Juwel – gekauft. Sie haben es weder gepflegt, noch Geld investiert. Später verschwanden die Besitzer einfach. Nun ist von diesem Herrenhaus nur eine Ruine geblieben, obwohl es noch vor dem Kauf ein gut erhaltenes und genutztes Gebäude war.

Die Bilder zeigen ein schlossartiges Gebäude ohne Dach. In seinen Räumen wachsen Bäume. Aber auch so mancher Privatinvestor mit ernsten Absichten, musste am Ende aufgeben. Im lettischen Balt-Muischa etwa konnten die Besitzer wegen der europäischen Finanzkrise plötzlich ihre Kredite nicht mehr bedienen. Nun gehört das Anwesen der Bank.

Noch immer wurden keine Fenster eingebaut, keiner traf Maßnahmen, die für die Sicherung der Bausubstanz notwendig sind. Generell kann man sagen, dass die Banken am unverantwortlichsten mit ihrem Eigentum umgehen. Keine einzige von ihnen kümmert sich um die Gutshöfe.

Zurzeit erarbeitet Lettland einen Katalog ähnlich dem, den einst die Treuhand über Schlösser und Gutshäuser der ehemaligen DDR anlegte. Doch Daniel Jahn warnt davor, darauf zu warten, bis dieser Katalog erscheint

Es gibt in Deutschland eine Stiftung Denkmalschutz. In diese Stiftung zahlen private Sponsoren, in dieser Stiftung zahlt der Staat, in diese Stiftung zahlen staatliche Lotterien hohe Beträge ein, um Kulturgüter zu retten. Das wäre auch eine Möglichkeit für Lettland, obwohl die Zeit rennt – mit jedem Jahr geht viel an Kulturgut verloren, mit jedem Jahr fallen Häuser ein, mit jedem Jahr gibt es weniger auf der Landkarte, was gerettet werden könnte.

Produziert für Deurschlandfunk Info und Musik.