Kunst-Bewegung ZERO – Alles zurück auf Null

Installation Günter Uecker

ZERO stand für die Stunde Null in der Nachkriegskunst. Mit der Bewegung wurden Ausstellungen zu fulminanten Happenings. Ihre Künstler huldigten der puren Farbe, dem puren Licht und der puren Bewegung – und sie wurde dennoch für Jahrzehnte vergessen. Eine Berliner Ausstellung würdigt Avantgardebewegung ZERO und zeigt, wie sie Kunst und vom historischen Ballast befreite. Von Maximilian Grosser.

Angefangen hatte alles im Nachkriegsdeutschland, in einem Düsseldorfer Hinterhof. 1958 begann etwas, was heute als der historische Gründungsmythos und als eine Zeitenwende in die Kunstgeschichte einging: in ihrem Atelier gründeten der im vergangenen Jahr verstorbene Otto Piene und Heinz Mack die Kunstbewegung ZERO. Später gesellte sich Günther Uecker dazu. Bis 1967 machte das ZERO-Triumvirat Düsseldorf zum Zentrum der Avantgardebewegung und zog als Wanderzirkus mit fulminanten Ausstellungen, die Happenings und Festival in einem waren, durch Europas Galerien und Museen. Aus der Schweiz, aus Frankreich und Italien, aber auch anderen Ländern schlossen sich Künstler der Bewegung an.

 

Auch das Publikum reagierte begeistert auf die ZERO-Happenings. „Viele Leute kamen zu mir und sagten, das ist wunderbar, ich fühle mich ganz leicht, ich fühle mich ganz verändert, ich empfinde, als wenn ich fliegen würde“, erzählte Otto Piene einem Fernsehreporter 1962 über die Besucherreaktionen. ZERO machte mit einer Ausstellung damals Station in Brüssel. Und wieder einmal sorgte sie für Furore, weil ihre Künstler die Kunstwerke auf rein sinnliche Reize reduzierten, die Besucher mit Spiegelreliefs, Lichtsalven und seltsamen Gemälden hypnotisierten.

Intellektuelle Leere

ZERO – das war für die Künstlergruppe Mack – Piene – Uecker der Zustand zwischen Ende des Countdowns und dem Start einer Rakete, ein Moment absoluter Leere, aus dem heraus etwas Neues entsteht. Doch der Umstand, aus dem heraus ZERO-Künstler starteten war etwas profaner: im Nachkriegsdeutschland waren die Regale der Kunstbibliotheken nach der Säuberung durch Nazis noch nicht wieder aufgefüllt – und Dada und Surrealismus noch nicht angekommen in der Kunstgeschichte. Düsseldorf war zudem eine graue Trümmerlandschaft.

Ernst Mack

Ernst Mack

Also begannen Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker ZERO mit dem Verlangen, diese materielle und intellektuelle Leere der Nachkriegszeit mit optimistischer und unterhaltsamer experimenteller Kunst zu füllen. Ihre wilden Kunstideen, die in der Malerei und Bildhauerei noch einmal alles auf Null setzten, füllen nun 20 Ausstellungssäle des Berliner Martin–Gropius–Bau. Nicht chronologisch, sondern nach Themen den Experimentierfeldern wie Farbe, Muster, Strukturen und Licht.

Alltagsgegenstände wurden Kunst

Die Ausstellung „ZERO – Die internationalInstallation Otto Pienee Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre“ macht so erlebbar, wie alltägliche Gegenstände plötzlich Kunst wurden, wie Pappkarton, Nägel, Plastikbeutel, Watte und Spiegelscherben zu Bildern und Skulpturen verarbeitet wurden. Auch ist in Berlin zu sehen, wie elementar und verspielt ZERO-Künstler wie Christian Megert, Bernard Aubertin oder Herman de Vries arbeiteten Der ist mit einer reproduzierten Deckeninstallation aus Baumarktstyropor vertreten. Insgesamt 200 Werke von 40 Künstlern erzählen vom Aufbruchsgeist der ZERO-Bewegung.

Feuer, Wasser und Licht waren die Mittel der Kunst.  „Licht wurde für uns zu einem Element, zu einem Medium, das selbst gestaltet werden konnte“, erzählt Heinz Mack, „Das war jetzt nicht nur gemeint im Sinne von physikalischen Experimenten. Licht war für uns auch eine Metapher, eine mentale Dimension. Mit anderen Worten: klares Denken setzt voraus, das Licht im Kopf ist.“

Lang vergessene Avantgarde

Eine der Ausstellungssäle im Martin-Gropius-Bau zeigt deshalb die Lichtstelen, mit den Heinz Mack berühmt wurde – schlanke, in die Höhe schießende Konstruktionen glänzender Aluminiumplatten, die grazil im Licht tanzen. In einem anderen Saal sind Otto Pienes Ruß-Gemälde zu sehen, gezeichnet mit Kerzenlicht.

Christian Megert

Christian Megert

Ein Rundgang im Lichthof des Berliner Martin-Gropius-Baus erzählt die Geschichte der ‚Kunstingenieure’ nach, präsentiert die Stationen von ZERO und zeigt ebenfalls die Zweifel damaliger Feuilletonisten, ob dass trotz der Begeisterung für die Experimente denn nun überhaupt Kunst sei. Vielleicht ist darin auch der Grund zu suche, dass die Bewegung über Jahrzehnte vergessen wurde und erst seit einigen Jahren als Avantgarde Beachtung findet – und sicher auch darin, dass es erst jetzt wieder umfangreiche ZERO-Ausstellungen gibt.

 

Produziert für SRF 2 Kultur.