Kroatien: Solidarität ist eine Sanduhr – Kroatische Intellektuelle  zur Flüchtlingskrise

An der Flüchtlingskrise könnte Europa scheitern. Davor warnen inzwischen nicht nur  Staats- und Regierungschefs oder Politiker fast jeder Couleur. Auch Intellektuelle melden sich zu Wort. Anders als die politische Klasse warnen sie nicht vor dem Flüchtlingsansturm – sondern vom Umgang der von Europas politischen Führungen mit der Krise. Der kroatische Autor Miljenko Jergovic geißelt in Kommentaren für Zeitungen wie „Jutarni List“ die „verlogene Politik“ der kroatischen Regierung. Offen prangert er Politiker für ihren „faschistoiden Sprachgebrauch gegenüber den Flüchtlingen“ an. Der bekannte Journalist Ladislav Tomicic bekennt: „Das ist keine Krise. Das ist eine permanente Lage.“ Und auch die Schriftstellerin Ivana Bodrozic meldet sich in ihrem Land immer wieder zu Wort. Mirko Schwanitz berichtet.In Deutschland wird immer heftiger gestritten, ob die Entscheidung  Angela Merkels, die Grenzen für syrische Flüchtlinge zu öffnen richtig war. Für den kroatischen Schriftsteller Miljenko Jergovic ist jedoch ist das überhaupt keine Frage: Was Europa sein sollte, meint er, das sei heute allein Deutschland.

Nicht Angela Merkel hat die Flüchtlingswelle ausgelöst. Sie hat nur gesagt, dass Deutschland die Flüchtlinge aufnehmen wird. Sie damit die rassistische Hysterie in Osteuropa und in einem Teil von Westeuropa nicht angefacht, sondern beruhigt. Denn: Hätte sie nicht entschieden, diesen Menschen Schutz zu gewähren, hätte man Osteuropa vielleicht angefangen, Flüchtlinge umzubringen. Weil viele Angst haben, die Leute könnten hier bleiben.

 

Vor wenigen Tagen wurde der erste Flüchtling an der bulgarischen Grenze erschossen. Die Premiers Serbien, Kroatiens und Bulgariens drohen mit dem Aufbau von Zäunen und Stacheldraht entlang ihrer Grenzen, falls Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnimmt. Ein anderer fordert auf dem jüngsten EU-Treffen die vollen Flüchtlingsboote nicht in die Nähe europäischer Grenzen kommen zu lassen. Die derzeitige Rhetorik der politischen Eliten in Osteuropa erinnert Jergovic an das dunkelste Kapitel europäischer Vergangenheit.

Das Verhalten unserer politischen Elite ist schändlich, ja ganz uneuropäisch. Sie sprechen über die Flüchtlinge wie über Tiere. Vom sogenannten christlichen Europa ist so viel übrig wie in den 30er und 40er Jahren zur Zeit des Holocaust. Diese christliche Heuchelei gegenüber Andersgläubigen ist ein Überbleibsel eines uralten, vor allem katholischen Hasses.

Es sei höchste Zeit zur eigenen, europäischen Verantwortung zu stehen, ist Miljenko Jergovic überzeugt. Die Kritik britischer Intellektueller und Politiker, die Deutschlands Haltung in der Flüchtlingsfrage als verrückt bezeichnet hatten, kann der kroatische Autor nicht verstehen.

Ja, die Deutschen haben ihren Verstand verloren. Und was haben die Briten getan? Sie haben den Irak, Afghanistan, Syrien und Libyen bombardiert! Sie haben diese Flüchtlingskrise verursacht. Die Briten haben in einer Koalition mit den USA Krieg gegen eine große Zahl von islamischen Staaten geführt. So wie Großbritannien in den 30er Jahren keine jüdischen Flüchtlinge aufnehmen wollten, so wollen sie heute keine syrischen Muslime aufnehmen. Das ist ein schändlicher Rassismus.

Anders als viele Politiker ist die Bevölkerung entlang der sogenannten Balkanroute überwiegend hilfsbereit. Doch das Ende der Solidarität, sagt die Schriftstellerin Ivana Simic Bodrozic, sei schon abzusehen.

Jede menschliche Solidarität hat ihre Frist. Sie rinnt wie eine Sanduhr. Ich habe das als Kriegsflüchtling selbst erlebt. Am Anfang sind die Menschen hilfsbereit und fühlen mit. Aber dann wollen sie in ihr altes Leben zurückkehren und ihre Energien und Ressourcen nicht mehr mit anderen teilen.

Schon erscheinen vielen in Europa Stacheldrahtzäune wie in Ungarn oder Abschiebungen als die einfachste Lösung des Problems.

Viktor Orban ist heute für die Mehrheit europäischer Politiker wichtiger als Merkel. Das wundert mich nicht. Hass, Faschismus und Fremdenfeindlichkeit sind viel ansteckender als Humanismus und Demokratie.

Es sei dringend notwendig, meint Jergovic, dass die Bürger ihren Politikern die rote Karte zeigen. Dass sie überall da aufstehen, wo rassistische und chauvinistische Töne zu vernehmen sind. Jedem sollte klar sein, nur wenn das gelingt, werde das vereinte Europa der offenen Grenzen und der Reisefreiheit bestehen bleiben.

Produziert für WDR 3 Scala.