Kroatien: Der Kanonier von Zagreb

05 Panoramablick vom Lotrsak-Turm

Viele Schweizer zieht es im Sommer an Kroatiens Küsten, das Wasser ist sauber, die Segelreviere herrlich, die Leute freundlich – das Essen gut und preiswert. Doch immer mehr machen auch einen Abstecher in die Hauptstadt. Zagreb, das in den Zeiten der k.u.k.-Monarchie noch Agram hieß, ist in den letzten Jahren ein wahres barockes Schmuckstück geworden – mit Fußgängerzonen, kleinen Gassen, guten Lokalen und einem regen Kulturleben. Doch immer zum Mittag jagt ein Mann nichtsahnenden Touristen einen Schrecken ein. Bojana Radetic-Turk hat ihn getroffen.

Es ist Mittagszeit in Zagreb. Touristen flanieren durch die pittoresken Gassen. An der kleinen Seilbahn, die die Menschen von der Unterstadt in die Oberstadt, hinauf  zum Barock-Ensemble des St. Marcus-Platzes und zu den Resten der alten Stadtmauer  bringt, staut es sich.

In der kleinen Bahn Gedränge und babylonisches Stimmengewirr. Ich höre Spanier, Italiener, Engländer, Koreaner. Unter den Passagieren auch ein Mann in unauffälligem T-Shirt und kurzer Hose. Ein Einheimischer, denke ich, und spreche ihn an.

Es ist super, mit der Seilbahn zu fahren. Ich beobachte gern die Leute, die aus aller Welt zu uns kommen. Es ist jedes Mal, als würde ich selbst in den Urlaub fahren und eine Reise machen.

 

 

Alem Tutundžić ist 37. Ob er als Reiseführer arbeite, will ich wissen. Nein, sagt er. Er sei derjenige, der für die Zagreber den Tag in zwei Hälften schneidet. Als er mein fragendes Gesicht sieht, fügt er hinzu:

Ich bin Kanonier. Das hier ist mein üblicher Weg zur Arbeit. Meist fahre ich schon 11:30 Uhr hinauf. Ich muss zum Lotrščak-Turm, um die Kanone vorzubereiten.

Für uns Zagreber gehört die Kanone im Turm über dem einstigen Lotrščak-Stadttor so zum Leben, das wir sie schon gar nicht mehr hören. Seit ich denken kann, erschallt jeden Mittag jener dumpfe Knall, der über die ganze Stadt hallt. Bisher dachte ich, das Ding gehe automatisch los. Dass es tatsächlich einen Kanonier von Zagreb gibt, will ich noch immer nicht glauben. Alem lädt mich ein, ihn zu begleiten.

77 Stufen geht es hinauf. Als einst die Türken die Stadt belagerten, sollen die Zagreber mit der Kanone den Mittagsbraten des Sultans halbiert haben. Angesichts der Präzision des Schusses sollen die Türken damals geflohen sein. Eine Legende. Die Wahrheit ist eine andere: 1876 wurde die Kanone angeschafft, um den Zagreber Glocken anzuzeigen, wann genau Mittag ist. Inzwischen wird längst mit einer moderneren Kanone geschossen.

Die heutige Kanone kam 1987 hierher. Die jugoslawische Armee schenkte sie damals der Stadt. Es ist eine amerikanische Kanone aus dem Jahr 1943.  

In seinem wirklichen Leben arbeitet Alem Tutundžić als Wasser- und Heizungsinstallateur für einen Kommunalbetrieb der Stadt.  Kanonier ist er nur ehrenamtlich. Jetzt muss es schnell gehen. Hinter einer Glasscheibe stehen Touristen und sehen ihm bei den letzten Handgriffen zu. Alem gibt einigen Kinder ein Zeichen: Achtung jetzt!

Am meisten mag ich, wenn Kinder kommen. Die freuen sich am meisten auf den Knall und interessieren sich mit Begeisterung für die Kanone.

Er wirft einen Blick auf eine Digitaluhr. Der Countdown läuft.

Jetzt checke ich noch die Zündnadel, lege die Kugel mit 200 Gramm Schießpulver hinein.  So, jetzt kann es losgehen. Achtung! One minute to shot, please!

Nach dem Schuss öffnet Alem die Fenster, zeigt sich dort wie der Papst. „Winken Sie mir!“, ruft er den Leuten zu. Sie lachen und jubeln ihm zu. Alle haben ihren Spaß. Nun ist der Tag geteilt, wie der Braten des Sultans in der Legende. Wenn die Glocken aufhören zu läuten ist bereits Nachmittag in Zagreb.

Produziert für SRF Kultur.