Keine goldenen Aprikosen

Zu Besuch bei der ‚Berlinale des Kaukasus‘

Begründer und Generaldirektor des Festivals Harutyun Chatschatryan

Begründer und Generaldirektor des Festivals Harutyun Chatschatryan

 

Jedes Jahr treffen sich in Armeniens Hauptstadt Yerewan Filmemacher zum wichtigsten Filmwettbewerb der Region – das „Golden Apricot“-Festival ist so etwas wie die Berlinale der Bergvölker des Kaukasus. Dabei geht es um mehr, als nur darum Filme zu sehen – denn hier treffen Künstler aus immer noch verfeindeten Nationen wie Armeniens und der Türkei aufeinander. Zugleich wollen die Initiatoren die Filmemacher der Region mit der internationalen Filmszene verbinden und die auf die eigenen Produktionen aufmerksam machen. Nicht zuletzt durch sogenannte „Meisterklassen“, in denen bekannte Regisseure ihre Erfahrungen an die kaukasischen Kolleinnen und Kollegen weitergeben. Ani Matevosjan und Mirko Schwanitz berichten.

Bis zum letzten Platz besetzt, war das Film-Theater Moskau, als der Eröffnungsfilm des „Golden Apricot“-Festivals anlief. In seinem Drama „Mutter“ erzählt der armenisch-französische Regisseur Henry Verneuil in elegischen Bildern die Geschichte einer armenischen Familie, die nach Vertreibung aus der Türkei Fuß zu fassen versucht in ihrer neuen Heimat Frankreich.

Grandios in der Hauptrolle der Mutter: Claudia Cardinale. Sie war auch Ehrengast des Eröffnungsabends und wurde von den Zuschauern mit großem Applaus gefeiert. Aus Anlass des 95. Jahrestages des Genozids an den Armeniern im damaligen Osmanischen Reich legt das „Golden Apricot“-Filmfestival in diesem Jahr einen Schwerpunkt gerade auf armenische Produktionen.

Ein vielsprachiges Stimmengewirr füllte das Foyer im Anschluss an den Film. Seit seiner Gründung vor sieben Jahren hat sich das Festival zu einer wichtigen Plattform für den Kulturaustausch in der Kaukasus-Region entwickelt. 500 Produktionen aus 75 Ländern bewarben sich, 120 werden in den kommenden Tagen zu sehen sein. Darunter Filme von Fatih Akin aus Deutschland, Theodoros Angelopoulos aus Griechenland, Fridrik Thor Fridrikson aus Island oder Claire Denis aus der Frankreich. Für den Ansturm des Publikums hat der Filmemacher Tigran Chzmalyan eine einfache Erklärung:

Es gibt hier viele junge Leute, die davon träumen, öfter ins Kino gehen zu können. Das hier so ein großer Andrang herrscht, hat auch damit zu tun, dass wir in Armenien eigentlich nur sehr wenige Kinos haben. Aber auch damit, dass in diesen wenigen Kinos nur selten wirklich gute Filme gezeigt und bei uns selbst eigentlich nur billige Seifenopern produziert werden.

 

Für die meisten der einheimischen Besucher ist das Festival für lange Zeit die einzige Chance, überhaupt anspruchsvolle ausländische Produktionen sehen zu können, meint Tigran Chismalyan.

Ich vergleiche das Festival ein wenig mit einem Zoo, in dem man etwas bewundert, was es sonst bei uns nicht gibt. In Zoos sieht man Tiere, die man sonst nicht ins Land bringen darf. Und so ist es auch mit dem Festival, hier sieht man Filme, die sonst nie gezeigt würden, weder in unseren Kinos noch im Fernsehen. Die Woche des „Golden Apricot“-Festivals hat deshalb nichts mit der Realität unseres Kulturlebens und Filmlebens im gesamten restlichen Jahr zu tun.

Ganze zwei Kinos gibt es in der armenischen Hauptstadt, im ganzen Land vielleicht 20. Die meisten sind in einem desolaten Zustand. Auch die Filmschaffenden selbst arbeiten unter schwierigen Umständen. Von „Goldenen Aprikosen“, meint der 27jährige Filmregisseur Stepan Martirosyan, Bezug nehmend auf den Namen des Festivals, könne also keine Rede sein.

Im Kaukasus funktioniert alles nur über eigene Kontakte. Meine Technik muss ich selbst kaufen, der Kameramann ist ein Freund, der ohne jegliches Honorar arbeitet. Ein anderer Freund macht den Filmschnitt auch, ohne Geld von mir zu verlangen. Ohne unseren eigenen Enthusiasmus, würde überhaupt kein Film entstehen. Vom Filmemachen kann hier niemand leben. Im schlimmsten Fall arbeiten Regisseure als Taxifahrer oder im Geschäft des Vaters.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Krieg um Nagorny Karabach und der Schließung der Grenzen zwischen Armenien, Aserbaidschan und der Türkei liegt die Filmproduktion im Kaukasus in Agonie. Dem Festival geht es deshalb um mehr, als nur das Neuknüpfen gekappter Verbindungen. Auf einer Veranstaltungsreihe, die sich „Regisseure ohne Grenzen“ nennt und einer speziellen armenisch-türkischen Plattform wird diskutiert, wie sich die Probleme zwischen den Ländern lösen lassen könnten.

Fast symbolisch steht da der Film des Festivalgründers, Harutyun Chatschatryan, gedreht im Grenzgebiet zwischen Armenien und Aserbaidschan, wo fast jeden Monat bei Schußwechseln Soldaten beider Seiten ums Leben kommen. Seit dem Krieg um die armenische Enklave Nagorny Karabach hält Armenien fast ein Drittel des aserbaidschanischen Territoriums besetzt. So ist das Festival auch ein Spiegel zunehmender Spannungen in der Region. Zwar haben wir in den letzten Jahren immer aserbaidschanische Filme gezeigt. Seit Bestehen des Festivals hat sich aber noch nie ein aserbaidschanischer Regisseur um Teilnahme am Festival beworben, sagt Chatschatryan bedauernd.

Alle meine Filme mache ich über unsere Welt hier, über unser Realität . Viele denken, dass man nur gute Filme machen kann, wenn man amerikanische, französische oder italienische Filme kopiert.  Ich will mit dem Festival zeigen, dass auch Filme internationale Qualität haben können, die sich mit dem befassen, was uns umgibt, der Welt also, in die wir hineingeboren wurden und in der wir bis heute leben.

Chatschatryans Film gewann im vergangenen Jahr einen Grand Prix auf dem größten türkischen Filmfestival. Dieses Jahr präsentieren sich nun türkische Filmemacher mit ihren Produktionen auf den Leinwänden Yerewans, während Ankara noch immer alle Grenzen zur kleinen Nachbarrepublik geschlossen hält.

Gesendet bei Deutschlandradio Kultur Fazit.