Karim Wasfi – Cellospiel für den Frieden

Einem internationalen Publikum bekannt geworden ist Karim Wasfi nicht als Dirigent des irakischen nationalen Symphonieorchesters sondern als Cellist von Bagdad. Als Musiker könnte Karim Wasfi ein Weltstar sein, der in allen Konzertsälen der Erde ein begeistertes Publikum fände. Sein eigenes Cellospiel oder auch seine Interpretationen von Bach, Mahler oder Vivaldi als Dirigent mit großem Orchester, gehören zum besten, was die klassische Musikwelt derzeit zu bieten hat. Doch Wasfi entschied sich in Bagdad zu bleiben. Er will mit seiner Musik dazu beizutragen, sagt Wasfi, wieder Frieden zu schaffen, in diesem vom Terror zerrissenen Land. Jutta Schwengsbier mit dem Porträt eines aussergewöhnlichen Musikers.

Ich wurde am 5. Mai 1972 in Kairo, Ägypten geboren. Meine verstorbene Mutter war ein Pianistin aus Ägypten. Mein verstorbener Vater war Filmstar im Irak. Zuerst war mein Vater Politiker und so etwas wie ein Gelehrter. Er las viel über die Entstehung der Welt, war fast ein Anthropologe. Dann aber wurde er Schauspieler im Hauptberuf. Das war seine Passion.

Von seinem Vater hat Karim Wasfi das Aussehen geerbt. Mit wilder, dunkler Lockenpracht und Vollbart. Mit seiner Statur, so groß und wuchtig wie ein Tanzbär, könnte der 42jährige sicher auch als Filmstar Karriere machen. Doch schon als Kind entschied sich Wasfi die Passion seiner Mutter weiter zu leben. Er fand seine Erfüllung in der Musik.

Ich bin in Bagdad aufgewachsen. Wir haben einige Jahre in Europa verbracht in den späten 70er Jahren und gingen zurück in den Irak in den 80er Jahren. Wir haben dort gelebt während der Kriegsjahre mit dem Iran. Meine Erinnerungen sind sehr gemischt. Aber worüber ich glücklich bin: Ich war der jüngste Cellist, der jemals im irakischen Symphonie Orchester spielte. Mit einer besonderen Erlaubnis war ich der jüngste bezahlte Angestellte im Irak.

 

Karim Wasfi schmunzelt, als er von seiner Kindheit erzählt. Mit 6 Jahren hatten er in der Musikakademie begonnen Cello zu spielen. Mit nur 13 Jahren war er dann schon soweit, um im großen Symphonieorchester in Bagdad mitzuspielen. Neben der Musik interessierte sich Wasfi aber auch schon früh für Physik und die Philosophie, die Leidenschaften seines Vaters. Seit der Antike sind diese beiden Wissenschaften im Orient untrennbar verbunden mit der Musik. Heute nutzt Karim Wasfi seine Musik gemeinsam mit Physik und Philosophie als Basis, um unser Zusammenleben aber auch um das Universum zu erklären.

Ich hatte wenig Zeit. Aber Zeit für Physik hab ich mir genommen. Ich habe seit jungen Jahren Bücher gelesen über die Entstehung der Welt und über Astronomie. Auch über die griechische Zivilisation. Das war meine andere Passion. Aber am liebsten habe ich kommuniziert mit meinem Cello. Auch mit Tieren und anderen Kreaturen. Musik wurde für mich die Möglichkeit zu kommunizieren, ob mit einer Katze oder einem Vogel, oder um meinen Schwestern zu helfen einzuschlafen.

Karim Wasfi ist überzeugt, mit seiner Musik die Seele jedes Menschen zu berühren. Statt weiter in international Konzertsälen Karriere zu machen, entschied er sich deshalb seine Kunst zu benutzen, um in seiner Heimat zum Frieden beizutragen. Als Dirigent des irakischen nationalen Symphonieorchesters habe ich seit 2006 Instabilität und Terror erlebt. Diese Saison war der Höhepunkt des Bürgerkrieges und der ethnischen Säuberungen in Bagdad und anderen Teilen des Iraks. Ich entschied mich zu bleiben und nicht zurück zu gehen in die USA, wo ich zu der Zeit lebte. Nicht um Gefangener zu sein der Situation, sondern um ein anderes Bewusstsein zu ermöglichen. Um eine Verbindung zu schaffen zu anderen Kontinenten und anderen Kulturen.

Musik ist für Karim Wasfi die Basis unserer Zivilisation. Musik schafft Toleranz, ist das Credo seines ganzen Lebens. Deshalb begann der Starmusiker im Smoking während des alltäglichen Bombenterrors inmitten der Trümmer von Bagdad Cello zu spielen.

Als der Terror wieder zuschlug, gab ich meinen bescheidenen Versuch auf, die Situation zu verbessern, indem ich nur in Konzertsälen und Theatern dirigierte. Ich entschied mich Kreativität und Schönheit an jeden denkbaren Ort zu bringen. Die Terroristen haben jedes Element des Lebens in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Eine Autobombe konnte nahe einer Schokoladenfabrik explodieren, bei einem Blumenstand, vor einem Parfümgeschäft oder einer Bäckerei. Das sind keine Kriegsziele. Das wirkliche Ziel des Terrors ist das Leben selbst.

Andere nicht mehr zu akzeptieren wie sie sind. Menschen zu töten, weil sie sich anders kleiden, weil sie Musik hören, weil sie einen anderen Lebensstil wollen. Beim Versuch, die Welt wieder nach islamischen Prinzipien zu regieren, zerstörten Extremisten im Irak sich selbst und andere, sagt Karim Wasfi. Er wolle, sagt Wasfi, den Menschen mit seiner Musik die Würde zurückgeben.

Der Klang meines Cellos ist nicht so laut, wie die Explosion einer Autobombe, aber er bewegt viel stärker. Selbstwertgefühl. Zuversicht. Mitgefühl. Globaler Frieden. All das entsteht aus Kultur. Wir brauchen keine Kollision der Kulturen. Wenn Kulturen verschieden sind, müssen sie sich verbinden. Und wenn das nicht geht, dann müssen sie sich wenigstens gegenseitig anerkennen.

Ein Produktion für den SR.