Italien: Die 40 Tage von Ossola

Das beschauliche italienische Städtchen Domodossola ist jedes Wochenende Ziel zahlreicher Schweizer Besucher. Hier bummelt man durch die Gassen, trinkt auf dem Marktplatz einen Espresso, geht auf den Markt. Doch wer von den Besuchern weiß, dass Domodossola vor gar nicht so langer Zeit Hauptstadt einer Republik war – ausgerufen von Widerstandkämpfern, die 1944 den deutschen und italienischen Faschisten mutig die Stirn boten? Als sie nach 40 Tagen fiel nahm die Schweiz 35 000 Flüchtlinge auf. Das haben die Menschen von Ossola ihr niemals vergessen. Wer mehr als nur einen Espresso trinken will, kann heute, gut 70 Jahre später, dem Bergführer Tim Shaw auf alten Widerstandspfaden ins Dickicht dieser unglaublichen Geschichte folgen. Und wer noch mehr wissen möchte, sollte einen Abstecher in die Casa della Resistenza in Mergozzo machen.

Beides hat unser Autor Mirko Schwanitz getan.

Steil ist der Aufstieg ins Val Grande. Um in Norditaliens letzte Wildnis zu gelangen, muss man bis zu 2000 Meter hohe Bergkämme überwinden. Der Blick von dort ist atemberaubend.

Hier sieht man jetzt den Lago Maggiore mit den berühmten Boromäischen Inseln. Direkt hier unter unseres Füßen der Lago di Mergozzo. Ganz hinten sieht man den Orta-See.

Doch nicht wegen der grandiosen Aussicht folgen Wanderer dem Bergführer Tim Shaw ins Val Grande. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erkunden sie mit ihm alte Widerstandspfade. Hier, an der Grenze zum Wallis und Tessin, hatten Partisanen anno 1944 ein 1600 Quadratkilometer großes Gebiet befreit und das Städtchen Domodossola zu dessen Hauptstadt erklärt, erzählt Historiker Piero Ragozza den Wanderern

Trotz aller Versuche der Faschisten, sie zu vernichten, konnten die Partisanen sich immer wieder reorganisieren und im September 1944 das gesamte Ossola-Tal befreien. Danach kamen Politiker, denen die Schweiz Asyl gewährt hatte, hierher und riefen die berühmte Republik von Ossola aus.

 

 

Obwohl neutral, stand die Schweiz damals den 85 000 bedrängten Einwohnern der Republik Ossola solidarisch bei. Die Eidgenossen schickten Nahrungsmittel und nie würden sie den Schweizer Bauern vergessen, dass sie 2500 italienische Kinder aus Ossola bei sich aufnahmen, sagt Piero Ragozza.

Die Kinder wurden vom Schweizer Roten Kreuz aufgenommen und dann auf Familien verteilt. Sie blieben bis zum Kriegsende in der Schweiz. Als die Kinder zurückkamen, nannten sie es: Das Weißbrotland. Sie kannten auch keine  beleuchteten Städte.

40 Tage lang konnte sich die Republik Ossola gegen die Faschisten wehren. Von den Alliierten, die bereits Rom besetzt hatten, im Stich gelassen, mussten sie dann der Übermacht weichen. Sie flohen, verfolgt von der SS, der deutschen Wehrmacht und den italienischen Faschisten, Richtung Schweiz, erzählt Tim Shaw.

Wir kommen jetzt an den obersten Ruinen der Corte Bue an Die Nazis wollten den Partisanen keine Rückzugsmöglichkeit mehr bieten und haben deshalb alles niedergebrannt. Und hier sieht man eben nach wie vor die Brandspuren. Dieser Brand ist nicht zufällig entstanden. Das war die SS.

Die wenigen Überlebenden fanden damals in der Schweiz Schutz. Während Tim Shaw in den Bergen des Val Grande Wanderern diese Geschichte näherbringt, ist es unten im Tal Giorgio Danini. Mit Schülern steht er unweit der Casa della Resistenza in Mergozzo. Hier wurden 1944  42 Partisanen erschossen. Als er den Jugendlichen erzählt, dass sein Großvater das Massaker  damals aus seinem Fenster habe sehen können, kehrt plötzlich Ruhe ein.

Mein Vater war dann der erste, der am Tag nach der Erschießung hierherkam, um mit einem Arzt, der nicht mit den Faschisten kollaborierte die Opfer zu identifizieren und ihren Tod festzustellen. Es war ein schrecklicher Anblick wie die Leichen hier lagen, übereinander gefallen, blutüberströmt.

Die Casa della Resistenza sei kein Museum, sagt Giorgio Danini, sondern ein Ort der lebendigen Erinnerung. Hier könne man die letzten überlebenden Partisanen treffen, sich Fotos und Filme anschauen. Darunter den eines Schweizer Dokumentarfilmers über den einzigen Überlebenden des Massakers von Mergozzo. Wer hierher kommt, begreift, warum uns das Andenken an die Partisanenrepublik Ossola so wichtig ist, sagt Historiker Piero Ragozza:

Die Republik von Ossola war der erste Versuch seit der Machtergreifung der Faschisten, auf dem Gebiet Italiens wieder eine Demokratie aufzubauen. Die Partisanen befreiten zwar das Gebiet, übergaben die Macht aber sofort an eine provisorische Regierung aus Vertretern der unterschiedlichsten politischen Richtungen. Deren Maßnahmen wurden zum Vorbild dafür, wie Italien nach dem Krieg aussehen sollte.

Und genau das ist die Geschichte, die dem Besucher hier, in der Casa della Resistenza auf lebendige und anschauliche Weise nahe gebracht wird. Ein Besuch der sich lohnt….

Produziert für SRF Kultur

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