Israels Autoren und ihr Blick auf ihr Land

 

Gastland auf der Leipziger Buchmesse ist in diesem Jahr Israel. Ein Auftritt mit Brisanz, denn überall in Europa spürt man ein Wiederaufleben des Antisemitismus – insbesondere in Frankreich.  Und das nicht erst seit dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ oder den Überfall auf einen jüdischen Supermarkt. Doch ist Israel für die Juden wirklich noch ein sicheres Land? Immer mehr Israelis zweifeln selbst daran. Zunehmend geht ein politischer Riss durch die Gesellschaft. Auf der einen Seite gewinnen religiöse Gruppen immer mehr Einfluss auf die Politik Israels. Während diese, die Einheit des Staates von innen zu zersetzen scheinen, muss Israel sich weiterhin unablässiger Angriffen von Hamas und Hisbollah erwehren.Mit Unruhe beobachten zahlreiche israelische Schriftsteller, wie eine pragmatische Politik der Aussöhnung immer unwahrscheinlicher wird. Wenn es nicht bald gelingt, einen Ausgleich mit den Palästinensern im Gaza-Streifen und im Westjordan-Land zu finden, dann, so sagen einige dieser israelischen Kulturschaffenden, bewege sich das Land allmählich aber sicher auf einen Apartheitsstaat zu. Mirko Schwanitz war in Tel Aviv und hat mit Autoren über ihren Blick auf ihr Land gesprochen.

Ein sonniger Morgen in Tel Aviv. Vor dem Habima-Theater plätschern die Springbrunnen. Verabredung mit der Schriftstellerin Lizzie Doron. Gerade ist ihr neuer Roman „Who the fuck is Kafka“ in deutscher Übersetzung erschienen. In Israel hat bisher noch kein Verlag gewagt, das Buch zu veröffentlichen. Zu brisant scheint der Inhalt.

Das Buch ist eine Art Tagebuch. Drei Jahre lang war ich Teil einer arabisch-palästinensischen Familie. Zwei Tage pro Woche lebte ich in dieser Familie in Ost-Jerusalem. Einen Tag pro Woche kam der Vater dieser Familie zu uns nach Tel Aviv.

 

Lizzie Dorons schildert die Schikanen der israelischen Besatzung. Aber auch die stereotypen Verhaltensmuster ihres neuen arabisch-palästinensischen Freundes. Doron zeigt, wo Verständigung möglich ist. Und: wo sie ihre Grenzen hat. Doch nicht nur der zunehmend unlösbare Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern bereitet vielen Autoren Sorge. Der bekannte Schriftsteller und Dramaturg Joshua Sobol etwa beobachtet mit ungutem Gefühl, dass die  innenpolitischen Debatten zunehmend aggressiver werden, Friedensaktivisten inzwischen nicht mehr nur verbal bedroht werden.

Meine Angst ist, dass sich Israel mehr und mehr zu einem Land entwickelt, in dem die Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird. Ein Land, in dem Menschen allein wegen ihrer politischen Überzeugungen Schwierigkeiten bekommen. Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Gaza griffen rechte Demonstranten zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes eine Anti-Kriegskundgebung an.

Die zunehmende Gewalttätigkeit in der israelischen Gesellschaft ist seit langem ein Thema von Yoshua Sobol. Sie ist der Hintergrund seiner Theaterstücke, wie etwa „Ghetto“, oder auch in seinen Romanen „Schweigen“ und „Whisky ist auch in Ordnung“. Der Schock über die  jüngsten Entwicklungen, sitzt bei vielen Schriftstellern tief. Gewalttätigkeit innerhalb der israelischen Gesellschaft galt eigentlich als Tabu, meint Etgar Keret. Er ist einer der beliebtesten Autoren und Filmregisseure seines Landes.

Ich war überzeugt, dass die Meinungsfreiheit in unserem Land stets unangefochten bleiben würde.  Doch plötzlich gibt es Leute, die dir Hass-Emails schreiben, die zum Boykott deiner Bücher aufrufen, deine Familie mit dem Tode bedrohen, deinem Sohn Krebs wünschen. Das ist etwas, das im israelischen Diskurs in der Vergangenheit nicht existierte. Dieses Tabu ist im letzten Gaza-Krieg gebrochen worden.

In Kerets letztem Erzählband mit dem Titel „Plötzlich klopft es an die Tür“ wimmelt es nur so von gescheiterten Existenzen und ewig Suchenden denen das eigene Land fremd wird. Auch der Schriftsteller Meir Shalev, dessen Romane im Züricher Diogenes-Verlag erscheinen, beobachtet die Entwicklungen seit Jahren mit Sorge. Shalev geht in seinen Büchern zwar nie auf aktuelle Ereignisse ein. Doch kann sein letzter Roman „Zwei Bärinnen“ als Parabel auf die Sinnlosigkeit eines Lebens in einer Gesellschaft verstanden werden, in der das Prinzip der Rache Oberhand gewinnt. Was passiert, wenn dieses politische Prinzip nicht bald durchbrochen wird? Meir Shalev

Ich sehe nur eine einzige Lösung – dass man den Arabern einen Staat im Westjordanland gibt und das die Araber im Gegenzug darauf verzichten, alle palästinensischen Flüchtlinge bis in die fünfte Generation in dieses Gebiet zu bringen. Wenn wir das nicht hinbekommen, werden wir bald eine jüdische Minderheit sein, die über ein anderes Volk herrscht. Das ist pure Mathematik. Ich möchte nicht, dass meine Kinder oder meine Enkel in so einem Staat leben müssen.

Produziert für SRF 2 Kultur.