Hans-Werner Kroesingers Neuinszenierung von Werfels „Vierzig Tage(n) des Musa Dagh“

In diesem Jahr jährt sich die Rettung von mehr als 4000 Armeniern vom Berg Musa Dagh durch Schiffe der französischen Marine vor 100 Jahren. Sieben armenische Dörfer hatten sich angesichts des im Osmanischen Reich wütenden Genozids entschlossen, auf den Berg nahe der syrischen Grenze zu ziehen und sich dort zu verteidigen. Mit Erfolg: sie wurden gerettet, während fast eine Million Armenier von den Türken auf bestialische Weise umgebracht wurden. Nun setzt sich der deutsche Dokumentarregisseur Hans-Werner Kroesinger in einer Inszenierung erneut mit den „40 Tagen des Musa Dagh“ auf Basis des Romans von Franz Werfel auseinander. Durch die Verbindung mit Dokumenten aus dem Auswärtigen Amt und aktuellen Bundestagsdebatten verleiht Kroesinger dem Stoff Aktualität und Brisanz. Die Frage steht im Raum: Hat sich Deutschland mitschuldig gemacht am ersten bekannten Völkermord? Jutta Schwengsbier berichtet.

Im Roman die „40 Tage des Musa Dagh“ entscheiden sich die Bewohner einiger kleiner armenischer Dörfer Widerstand zu leisten, während  Hunderttausende andere Armenier von den Türken ermordet wurden.

Ich weiß, wie ich sterben werde. Nicht wie ein wehrloser Hammel. Nicht im Kot der Deportationslager. Nicht am Hunger und nicht an der stinkenden Seuche. Nein, auf der Schwelle meines Hauses werde ich sterben. Mit der Waffe in der Hand.

Dass der Genozid an den Armeniern überhaupt bekannt wurde, ist vor allem dem österreichisch-jüdischen Autor Franz Werfel zu verdanken.

 

Was zu tun gegen geplanten Völkermord ? Die Absichten der Regierung müssen genau erkannt werden. Sie hat die Metzeleien zwar immer selber veranstaltet, hat sich aber nie zu ihnen bekannt. Die Metzeleien gehen nicht vorüber, wie ein Erdbeben, dass noch immer einen Teil der Menschen und Häuser verschont. Diesmal herrscht kein aufgepeitschter Blutrausch und keine herrenlose Willkür. Sondern etwas viel viel entsetzlicheres. Ordnung.

Obwohl die Türkei den systematischen Völkermord an den Armeniern bis heute leugnet, ist es nicht die türkische Position, die Hans Werner Kroesinger interessiert. Der Regisseur gräbt sich bei seiner Neuinszenierung des Werfel Romans tiefer in die Materie ein, um den Bezug zur deutschen Innenpolitik herauszuarbeiten

Werfel schreibt das halt so, wie im Rausch. Und das faszinierende ist, dass er es genau zu dem Zeitpunkt macht, wo in Deutschland der Völkermord an den Juden geplant wird. Und in wieweit das auch ne Vorwegnahme ist von dem was später in Deutschland passiert. Also dieser bürokratische Ablauf, wenn es um die Züge geht, die Deportation, da kommen bei uns ja jetzt im Nachhinein ganz andere Bilder hoch. Das wichtige ist, das da jemand wie ein Seismograph was feststellt was sich abzeichnet im eigenen Land.

Hans Werner Kroesinger ergänzt im Stück Fragmente aus dem Werfel Roman mit erhalten gebliebenen Notizen aus dem Auswärtigen Amt. Ein Dokument wird auf der Bühne penibel ans andere gereiht. Es wird schnell klar: Deutschland hat zugesehen, wie die Armenier ermordet wurden – ohne zu protestieren.

Um in der Armenierfrage Erfolg zu haben müssen wir der türkischen Regierung Furcht vor den Folgen einflößen. Wagen wir aus militärischen Gründen kein festeres Auftreten, so bleibt nichts übrig als zuzusehen, wie unser Bundesgenosse weiter massakriert. Botschafter Metternich.

Notiz dazu von Reichskanzler Bethmann Hollweg: Die vorgeschlagene öffentliche Bloßstellung eines Bundesgenossen während laufenden Krieges wäre eine Maßregel wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Unser einziges Ziel ist die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten. Gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht. Bei länger andauernden Kriegen werden wir die Türken noch sehr brauchen.

Deutschland hat geschwiegen: Aus Staatsräson. Doch nicht  nur das: Auch deutsche Firmen haben armenische Zwangsarbeiter eingesetzt beim Bau der Bagdad-Bahn. Es war die gleiche Eisenbahn, mit der kurz darauf Tausende Armenier von der türkischen Regierung wie Vieh in den Tod geschickt wurden.

Einer der engsten Vertrauten von Hitler, der damals beim Marsch auf die Feldherrenhalle in München getötet wurde, war jemand der im Osmanischen Reich in der Türkei stationiert war. Der also sehr genau wußte um die Vorgänge der Deportationen und der Vernichtung der Armenier. Und das war jemand, der als Berater für Hitler fungierte.

Kroesinger stellt wichtige Fragen: War der Völkermord an den Armeniern die Blaupause für den Holocaust? Ist sich Deutschland seiner Mitschuld am ersten bekannten Völkermord an den Armeniern bewusst? Am Schluss steht die Antwort auf eine kleine Anfrage der Partei „Die Linke“ im Bundestag: Die Bundesregierung ist sich keiner Schuld bewusst.

Produziert für Deutschlandradio Rang 1.