Georgien: Datio Ratiani und seine Wehrtürme von Ushguli

Wehrtürme von Ushguli

Reiseführer preisen es als das höchste Dorf Europas – Ushguli, eine kleine Ortschaft, gelegen in Georgien, im Kaukasus, auf 2400 Meter Höhe. Lang und beschwerlich ist der Weg dahin. Mit dem Auto benötigt man von der Hauptstadt Tiflis allein 12 Stunden bis hinauf in die Berge der georgischen Provinz Swanetien. Ohne geländegängigen Jeep ist ohnehin aufgeschmissen, wer da hinauf will, denn hinter Swanetiens kleiner Hauptstadt Mestia gibt es keine befestigte Straße mehr.Dann geht es nur noch durch Wälder und reißende Gebirgsbäche in ein Gebiet, das niemals durch fremde Eroberer eingenommen werden konnte, denn der georgische Stamm der Swanen, wusste sich stets aller Eindringlinge zu erwehren. Jahrhundertelang auch mit Hilfe ihrer alten Wehr- und Wohntürme – die seit noch nicht einmal 20 Jahren zum Weltkulturerbe gehören. Von der georgischen Hauptstadt Tiflis brauchte unser Autor Mirko Schwanitz ganze 12 Stunden. Denn als er dorthin unterwegs war, hatte ein Bergsturz gerade die Hälfte der an einem Berghang klebenden Straße auf einer Länge von mehreren hundert Metern weggerissen. Am Ende ist er aber dennoch gut oben angekommen und traf Dato Ratiani, der im Schatten von Georgiens höchstem Berg lebt – dem 5000 Meter hohen Schara.

Laut rauscht der Enguri am Ortseingang von Ushguli. Steil und gleißend drängt sich Georgiens höchster Berg in den Himmel von Swanetien – der 5000 Meter hohe Schara. Ein Kirchlein schaut herab auf Gassen, durch die Schweine, Kühe und Ziegen spazieren. Hie und da aber erheben sich riesige Türme. Wegen dieser Wohn- und Wehrtürme, wurde Ushguli 1996 zum Weltkulturerbe erklärt.

 

 

Dieser Turm hier stammt aus dem 10. Jahrhundert. Seitdem ist er im Besitz meiner Familie. Das wissen wir von unseren Großvätern, die dieses Wissen von Generation zu Generation weitergaben.

Dato Ratiani ist im Schatten der Türme aufgewachsen. Seit seiner Kindheit sieht er Besucher durchs Dorf streifen und ehrfürchtige Blicke nach oben werfen. Im Untergeschoss eines anderen Turms melkt Datos Mutter gerade eine Kuh. Hier oben, sagt Dato, müsse man arbeiten, solange man lebe und nimmt der Mutter einen Eimer Milch ab.

Es ist schwer hier. Bei euch im Westen ist das alles mechanisiert. Ich bin schon 70 und mache alles mit der Hand. Doch Datos Töchter wollen es nicht lernen. Sie wollen nicht im Dorf bleiben.

Dabei könnten gerade die Türme eine Zukunft auch für seine Töchter bedeuten, meint Dato und träumt von einer Entwicklung des sanften Tourismus in Ushguli. Allein drei dieser kastellartigen Ungetüme gehören seiner Familie. Was davon zeuge, sagt Dato, dass seine Familie einst zu den mächtigsten in der Gegend gehörte.

Bei Kriegen zwischen zwei Dörfern oder Sippen, zog man sich in diese Türme zurück und verteidigte sich, in dem man von oben zum Beispiel Steine auf seine Gegner warf.

Schon der griechische Philosoph und Feldherr Xenophon schrieb über diese Türme. Damals, 400 Jahre vor Christi, waren die mehrstöckigen Türme allerdings noch aus Holz.

Die Türme boten Schutz vor Naturkatastrophen. Wenn Lawinen die Dörfer verschütteten, ragten die obersten Stockwerke noch immer aus dem Schnee. Seit dem 10. Jahrhundert konnte kein noch so starkes Erdbeben den Türmen etwas anhaben.

Das Geheimnis der Türme ist bis heute nicht endgültig entschlüsselt. Möglicherweise liegt es in einer mathematischen Formel: Die Gesamtlänge der Grundseiten, also rund 30 Meter, entspricht meist der Höhe der Türme. Und obwohl sie sich nach oben verjüngen, liegen die Ecken des Fundaments auf einer Linie mit den Ecken des auf die Verjüngung aufgesetzten vierten Stockwerkes.

In Ushguli stehen heute gerade noch 30 Türme. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es noch 100. Von den Türmen, die einst unserer Familie gehörten sind nur diese drei hier erhalten geblieben.

Das seine Türme zum Weltkulturerbe gehören, macht Dato stolz. Doch ihr Verfall macht ihm Sorgen, denn er hat nicht das Geld, sie zu restaurieren. Wenn nicht bald etwas geschieht, werden in Georgien schon bald nur noch wenige Türme an dieses kulturhistorische Erbe der Menschheit erinnern, meint Dato bevor er beim Abschied das Tor zum Turm wieder schließt.

 

 

Produziert für SRF Kultur.