Die (Tanz)codes der Gebärdensprache – der Choreograph Gal Naor

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Gebärdensprache ist mehr als nur ein Ersatz für gesprochene Sprache – das beweist der israelische Künstler Gal Naor. Er hat ein Tanzstück geschaffen, das über Klischees und gesellschaftliche Zwänge, Berührungsängsten und Diskriminierung von Gehörlosen erzählt. Das Stück spielt kunstvoll mit Gebärdenzeichen und schlägt eine Brücke zwischen der Welt von Hörenden und Gehörlosen. Mit beeindruckendem Tanz- und Körperbildern zeigt Gal Naor, wie sinnlich Gebärdensprache sein kann, wie sehr ihre Gestik und Mimik die Codes des modernen Tanzes sein können. Ein Porträt von Maximilian Grosser.

Der verletzliche Klang der Stimmen Gehörloser hat Gal Naor schon immer fasziniert. Doch der israelische Choreograph musste lange suchen, um eine Tänzerin wie Laura Levita Valytes zu finden. Nun singt die Gehörlose erstmals in seinem Tanzstück „bodieSLANGuage“. Ein provokativer und gleichzeitig befreiender Kunstgriff.

Manchmal ist die Szene sehr emotional – und Laura muss mit Tränen kurz die Bühne verlassen. Denn sie widmet den Gesang ihrer Großmutter, der einzigen Hörenden in ihrer Familie. Es ist aber auch ein sehr schwieriger Moment, weil das als sehr zynisch, als eine Freakshow gesehen werden kann, wenn eine Gehörlose singt. Einige meiner israelischen gehörlosen Freunde und Schauspieler sagten mir mal: das ist nichts für uns, das ist deine Welt, wir sind keine Versuchskaninchen. Aber ich sehe in Lauras Gesang eine Geste der Befreiung, der Selbstermächtigung.

 

Acht Tänzer – darunter zwei Gehörlose – stehen beim Tanzstück „bodieSLANGuage“ auf der Bühne. Neben den Körpern der Tänzer sind es aber vor allem die Hände, die das Stück von Gal Naor beherrschen. Sie formen Vogelschwärme, mimen Blütenknospen, improvisieren Meereswellen und sprechen dabei in Gebärdensprache zum Publikum. Kein Wunder – Gal Naor ist nicht nur Schauspieler und Choreograph, sondern auch Gebärdendolmetscher.

Wir wollen so etwas wie eine lebende Skulptur schaffen mit den 16 Händen. Schon andere Choreographen haben mit Gebärdensprache gearbeitet haben. Uns ging es aber mehr um ihre Sinnlichkeit, um ihre Dynamik. Und wir beziehen uns dabei auf den Begriff Slang, weil wir glauben das jeder Körper seine ganz eigene informelle Sprache hat, mit der wir arbeiten.

Die Hände des 29jährigen zeichnen feine Gesten, wenn er über seine Leidenschaft für Gebärdensprache erzählt – und sein ganzer Körper schwingt mit. Schon als Kind improvisiert Gal Naor erste Handzeichen, um mit seinen gehörlosen Großeltern zu sprechen. Bis heute ist er der einzige der Hörenden in seiner Familie, der die Gebärdensprache gelernt hat.

Ich war schon sehr neugierig auf die Gebärdensprach als ich fünf Jahre alt war. Ich habe mit ganz einfachen Zeichen angefangen. Mein erster Satz in Gebärdensprache an meine Großeltern war in etwa so:  ich will gern eine heiße Schokolade trinken. Ich hatte also schon sehr früh eine sehr enge Verbindung zur Gebärdensprache. Und das hat auch meinen Wunsch beeinflusst, Schauspieler zu werden, auf der Bühne zu stehen.

Erst studierte Gal Naor Schauspiel an der Jerusalemer Kunstakademie. Schon in seinem Abschlussstück hatte er mit Gebärdensprache experimentiert. Reines Theater interessierte ihn damals aber schon nicht mehr.

Mir war relativ schnell klar, dass das nichts für mich ist, ich kein echter Schauspieler werden will. Sprechtheater fand ich ziemlich langweilig. Und auch formellen Tanz fand ich nicht besonders interessant. Aber erst die Kombination aus beiden fand ich spannend. Und das fand ich in der Gebärdensprache – sie vereint in sich Tanz und Theater. Sie ist sehr visuell, sehr expressiv.

Also studiert Gal Naor noch einmal und wird Gebärdendolmetscher. Kurz darauf zieht er nach Berlin und erfüllt sich endlich seinen Traum: die Verbindung von modernem Tanz, Theater und Gebärdensprache für hörendes und gehörloses Publikum.

Als ein Choreograph, der mit Gebärdensprache arbeitet, macht es für Gehörlose einfacher, Tanzstücke zu verstehen, weil ich Gebärdenzeichen in Tanzcodes übersetze. Das hörende Publikum kann daran die Ästhetik genießen. Aber für Gehörlose ist das erlösend. Denn sie versuchen in jeder Geste Elemente einer Sprache zu sehen, alles auf eine Bedeutung zurückzuführen. Für sie ist es sehr frustrierend, wenn Tanz weniger klar und rein intuitiv ist.

Produziert für rbb kulturradio.