Bibliothek 2.0 als Megaspace der Stadtgesellschaft

Warum die Amerika-Gedenkbibliothek zum Jubiläum in Schwierigkeiten steckt

 

Amerika Gedenk-Bibliothek-3

Das Ur-Modell aller öffentlichen Bibliotheken im Deutschland der Nachkriegszeit feierte am 17. September seinen 60. Geburtstag – Berlins Amerika-Gedenk-Bibliothek. Sie war ein Geschenk des amerikanischen Volkes und wurde zum Symbol deutsch-amerikanischer Freundschaft. Allerdings ist die einst so visionäre Bibliothek in die Jahre gekommen und kann mit den heutigen Anforderungen einer Internetgesellschaft nicht mehr mithalten. Trotz dieses Mankos ist die Bibliothek begehrtesten Kultureinrichtung der Hauptstadt. Maximilian Grosser erklärt, warum.

Daniela Schoßau ist so etwas wie die Geschichtsbeauftragte der Berliner Amerika Gedenkbibliothek. Zu runden Geburtstagen führt die Diplombibliothekarin durch die von außen unscheinbare Architekturikone. Der ist heute kaum noch anzusehen, welche Bedeutung ihr historischer Standort am Ende der Friedrichstraße Mitte der Fünfziger Jahre hatte.

1954 war es ja so, dass die Grenze zum Checkpoint Charli schon sehr deutlich war und man natürlich mit so einem Gebäude eine Art Leuchtturmcharakter in den Ostsektor der Stadt erreichen konnte. Dass sehen sie an der Fensterstruktur in quadratischer Form, die haben nachts geleuchtet in den Ostsektor.

 

Daniela Schoßau blickt aus einem dieser Fenster des Bibliotheksbaus. Nur 900m nördlich sieht man Touristen wie einen Ameisenhaufen am ehemaligen Grenzposten nach Ostberlin – dem Checkpoint Charlie – wuseln. Allerdings war auch die Gedenkbibliothek auch in ihrer Form, eine Festung freien Denkens. Als Geschenk der US-Amerikaner wurde sie nach deren Idee einer public library gebaut – ein Urmodell, dass die deutsche Bibliothekslandschaft seit dem verändert hat.

Das war revolutionär in Deutschland. Sie müssen sich vorstellen, die vorherrschende Form war die Thekenbücherei, dass heißt, man geht artig an einen Schalter und da guckt vielleicht einer für einen und sagt das Buch könnten sie haben und dann wird nach hinten gegangen und das Buch wird geholt. Und damit hat diese Bibliothek Schluss gemacht und hat eine große Diskussion ausgelöst, weil hier nämlich hunderttausend Medien Freihand angeboten wurde. Und da hat man gesagt: ist das zumutbar, kann man das verkraften?

Amerika Gedenk-Bibliothek

Sorgen, die sich heute keiner mehr macht, der den Lesesaal mit seiner muschelförmig gewölbten Decke betritt. Rund 3500 Besucher mäandern hier täglich entlang der Bücherregale, leihen von rund 3,5 Millionen Medien das Passende aus – und machen die AGB – so ihr Kurzname – zu Berlins begehrtester Kultureinrichtung. Das Angebot ist reichhaltiger als in normalen städtischen Bibliotheken. Auch wissenschaftliche und fremdsprachige Literatur, wie sie sonst nur in Universitätsbibliotheken bereit steht, macht sie zu einem geschätzten Arbeitsort nicht nur für Studenten.

Wir haben in der AGB über ein Drittel Nutzer, die einen Migrationshintergrund haben und bei Besucherbefragung sagen 40 Prozent unserer Nutzer, dass sie eine Muttersprache haben, die nicht deutsch ist.

…sagt Volker Heller, Vorstand der zentralen Landesbibliothek Berlin. Ihr hoher Anteil hat aber noch einen anderen Hintergrund.

Wir sind als Zentralbibliothek mit Medien ausgestattet, die höhere Schulabschlüsse unterstützen, die Ausbildung und Studieneinstiege unterstützen. Und was wir erleben, dass ein ganz großer Teil unserer Mitbewohner in Berlin, die einen migrantischen Hintergrund haben, eben genau zu diesem Zweck unsere Bibliothek aufsuchen. Da gibt es einen ganz starken Anteil von migrantischer Bevölkerung, die enorm bildungshungrig sind und wo ich mir sicher bin, dass unser Land ganz stark von dieser Generation geprägt werden wird.

 

Amerika Gedenk-Bibliothek-2

Ein Grund, warum die 130 Arbeitsplätze der Gedenkbibliothek immer besetzt sind. Daran lässt sich auch ein deutschlandweiter Trend ablesen: Bibliotheken sind heute längst mehr als nur Bücherinseln. Mehr und mehr entwickeln sie sich zu beliebten öffentliche Treffpunkten, Veranstaltungsorten und sind gleichzeitig Wegbereiter für den Medienwandel. Neben Büchern stehen immer mehr elektronische Medien bereit. Digitale Datenbanken und Streamingangebote gehören ebenfalls dazu.

Hinzu kommt, dass die Bibliothek als Arbeitsort immer wichtiger wird, das sieht man insbesondere bei neugebauten Bibliotheken, die förmlich überrannt werden von Menschen. Die aber die Bibliothek immer mehr auch als Werkstatt nutzen, zum Ausprobieren von neuen Kulturtechniken, 3D-Drucker und ähnliche Dinge. Beispiel vielleicht dazu, was ich in Seattle gesehen habe, in Nordamerika, da gab es eine solche Werkstatt mit Digitaldruckern. Und unteranderem hatten die auch Strickmaschinen. Da konnte man am Computer Textildesign betreiben.

Von solch einer modernen Bibliothek 2.0, die den Anforderungen einer immer stärker digital geprägten Gesellschaft gerecht wird, träumt Volker Heller auch in Berlin. Allerdings müsste die betagte Amerika-Gedenkbibliothek mit ihren 7500 Quadratmetern dafür rund vier- bis fünfmal größer sein. Doch ein Umbau liegt derzeit auf für Jahre Eis – und das in der von Internetfirmen begehrten Hauptstadt Berlin.

Produziert für SR 2 Länge Sieben.