Belarus: Literaturnobelpreise Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 kurz nach dem zweiten Weltkrieg im ukrainischen Iwano-Frankiwsk geboren. Zunächst arbeitete sie als Reporterin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Dann entwickelt Alexijewitsch ausgehend von zahlreichen Interviews schließlich eine eigene literarischen Gattung: den halbdokumentarischen Roman. Ob Tschernobyl, der Afghanistan-Krieg und der Zusammenbruch der Sowjetunion: Die bei ihren Reportagen eingefangenen Stimmen verdichtet die Schriftstellerin in fiktionalen Geschichten zu einem Sittengemälde ihrer Zeit. Nun erhält die Weißrussin den Literaturnobelpreis. Jutta Schwengsbier stellt Swetlana Alexijewitsch und ihr Werk vor.

Die wie in einem Kaleidoskop geschilderten, oft tragischen Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven sind so lebensnah, dass ihre Bücher verboten und Swetlana Alexijewitsch selbst immer wieder vor Gericht gezerrt wurde. Bereits ihr erstes Buch wurde 1985 zum Skandal. Unter dem Titel: »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« schilderte die Journalistin das Schicksal sowjetischer Soldatinnen in und nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem Vorwurf, sie würde die »Ehre des Großen Vaterländischen Krieges« beschmutzen, wurde sie angeklagt und verlor ihren Job.  In der Folge geriet die Schriftstellerin immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit. Nach der Machtergreifung 1994 durch Präsident Lukaschenko wurden ihre Bücher in Weißrussland aus den Lehrplänen der Schulen gestrichen und konnten hier offiziell nicht mehr erscheinen.

Wir leben immer noch wie in einem Lager, einem sowjetischen Lager. Unsere Stärke ist das Wort. Meine Bücher werden in Weissrussland nicht gedruckt. Ich gelte als Feind des Regimes. Meine Bücher werden aus Russland importiert. Man muss viel Mut aufbringen und der Wahrheit ins Gesicht schauen.

 

Trotzdem aller Anfeindungen zog Swetlana Alexijewitsch nach einigen Jahren im westlichen Ausland 2011 zurück nach Minsk. Während die Jugend heute Veränderungen will, frönen die Alten in Belarus weiter dem Traum vom sozialistischen Realismus, sagt Swetlana Alexejewitsch. Das ganze Land sei in zwei Lager gespalten, ein Riss, der bis in ihre eigene Familie hinein reiche.

Das Problem besteht darin, dass Lukaschenko durch das billige Öl in Weissrussland die sozialistische Utopie verwirklichen konnte. Früher war es unmöglich sich irgend etwas zu kaufen. Meine Schwester ist Ingenieurin und  träumte ihr ganzes Leben von einer Waschmaschine. Jetzt ist Lukaschenko an der Macht, und bitte schön, überall gibt es Waschmaschinen ohne Ende. Meine Schwester verwendet ihre ganze Lebensenergie für Konsum. Politik interessiert sie nicht. Nur wenn Lukaschenko diesen Wirtschaftsvertrag mit der Bevölkerung nicht mehr einhält, werden auch die Bauern auf die Straßen gehen. Erst dann geht es richtig los.

Auch die Schriftsteller in Belarus sind in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Gehorsamen und die Ungehorsamen. Den Gehorsamen geht es gut – sie publizieren, treten im Fernsehen auf und können ihre Erzählungen in den Zeitungen lesen. Die Ungehorsamen – wie Svetlana Alexejewitsch – existierten offiziell gar nicht. In der Begründung der Jury des Nobelpreises heißt es: Sie erhalte die Auszeichnung „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Mit dem Literaturnobelpreis erhält Alexijewitsch nun selbst ein Denkmal. Ihr Lebenswerk wird für alle sichtbar gemacht, auch in ihrer Heimat Belarus.

Produziert für SWR.