Ballerina auf Krücken – Die Tänzerin Claire Cunningham

Dancer Claire Cunningham in rehearsal for her performance of 'Guide Gods' that opens next week, 12th June..... Photograph by Colin Mearns..3 June 2014

Claire Cunningham gehört zu Schottlands außergewöhnlichsten Künstlerinnen. Sie ist Sängerin klassischer Musik und seit 2007 auch Tänzerin. Ungewöhnlich ist das, weil Claire Cunningham seit ihrer Kindheit an Osteoporose leidet, sich ohne Krücken kaum bewegen kann. In ihren künstlerischen Arbeiten lotet sie immer neue Grenzen aus. Deswegen ist die ‚Ballerina auf Krücken’ inzwischen nicht mehr nur ein Vorbild für Menschen mit Behinderung. Maximilian Grosser hat sie getroffen.

Unglaublich schnell, fast schwebend, tanzt Claire Cunningham über den Parkettboden. Dreht grazile Pirouetten, wechselt zwischen Ballett und Modernem Tanz. Eine Choreographie auf Krücken.

In Claire Cunninghams zerbrechlichen, gestauchten Körper steckt eine atemberaubende Kraft. Gerade probt sie ihr neues Tanzstück in Berlin Wedding – ein Spiel mit Wahrnehmungen.

Mich hat es immer fasziniert, wie wir die Welt wahrnehmen, uns in ihr verhalten, wenn wir behindert sind. Ich zum Beispiel bin zerbrechlicher und muss mich im Gedränge ganz anders bewegen.

Den Tanz hat Claire Cunningham allerdings erst vor knapp zehn Jahren entdeckt. Ihre erste große Liebe galt dem Gesang. Schon in der Grundschule entdeckte sie die Bühne für sich. Die Leidenschaft dafür überkam sie wie aus dem Nichts.

Ich kam eines Tages von der Schule nach Hause. Da war ich gerade sieben Jahre alt. Und ich habe meinen Eltern erzählt, dass ich unbedingt an einem Gesangswettbewerb teilnehmen will. Ich hatte vorher am Singen keinerlei  Interesse. Zudem war ich sehr schüchtern. Alle waren geschockt von dieser Idee, ich auch. Und dann habe ich den Wettbewerb die nächsten drei Jahre gewonnen.

In der früheren Industriestadt Kilmarnock, 30 Kilometer nordöstlich von Glasgow wuchs sie auf. Und hier, auf einer Schulbühne hat sie gelernt, ihr Publikum um den Finger zu wickeln.

Ich wusste schon sehr früh, wie man Menschen mit Musik manipuliert. (lacht) Ich habe immer auf Schnulzen gesetzt.

Seit ihrer Geburt leidet die heute 38jährige an einer speziellen, frühen Form von Osteoporose. Das macht ihre Knochen brüchig, ihre Beine kann sie kaum belasten, gehen fällt ihr schwer. Schon mit 14 läuft Claire Cunningham auf Krücken.

Zuerst waren sie noch neu für die ersten Monate, dann begann ich sie kategorisch zu hassen. Ich habe darüber schreckliche Teenager-Poesie geschrieben. Und wenn ich heute zurückschaue, hat das damit zu tun, dass ich mit dem Gedanken aufgewachsen bin, dass eine Behinderung falsch ist.

Trotz ihrer Osteoporose studiert Claire Cunningham nach der Schule klassischen Gesang im irischen Dublin – und zog möglichst weit weg vom Elternhaus, auch um zu lernen, selbstständig zu sein. Bei ihren ersten Konzerten flüchtete sie in die Romantik der Lieder von Franz Schubert und Robert Schumann.

Ich habe mich damals sehr unwohl gefühlt auf der Bühne, als sichtbare behinderte Künstlerin. Aber wenn ich sang, war das egal. Ich wollte nicht unbedingt angeblickt werden, aber hören sollten mich alle. Und wenn mein Körper schon nicht elegant ist, fand ich in den Liedern die Schönheit, die mein Körper nicht hatte.

Inzwischen ist die Bühne Claire Cunninghams zweites zu Hause, ihr Paradies, in dem sie diktiert, wie das Publikum sie anschaut. Und mehr noch: die verhassten Krücken hat sie zum Sujet ihrer Tanzstücke gemacht – und lieben gelernt. Auslöser war eine Performance mit dem kalifornischen Choreographen Jess Curtis.

Ich habe erst meine Krücken am Rand der Tanzfläche gelassen, weil ich Angst davor hatte, die anderen Tänzer zu verletzen. Ich wusste nichts mit ihnen anzufangen. Aber Jess hat gesehen, wie ich sie in den Pausen benutzte. Etwa um auf ihnen zu sitzen oder rumzubalancieren, um meinen Körper zu entlasten. Eigentlich nur Spielerrein. Aber Jess hat mich mich neugierig gemacht auf das Potential der Krücken.

Alle ihre Choreographien haben eines gemeinsam: sie handeln von Claire Cunninghams Vision. Ginge es nach ihr, sollen irgendwann alle Körperformen – egal ob mit oder ohne Behinderung – uneingeschränkt auf der Bühne zu sehen sein, nicht nur Ballerinen.

Produziert für rbb kulturradio.