Balkanroute: An der Grenze über die Grenze

IC-MN-Chefredakteur Mirko Schwanitz koordinierte für den WDR eine vielbeachtete Radioessayreihe mit Schriftstellern aus Ländern entlang der Balkanroute

Autorenporträts

vlnr: Draga Potocnijak (©Žiga Koritnik); Miljenko Jergovic (©Miodrag Trajković); Lena Divani (©privat); Sreten Ugricic (©Volker Dittrich); Vlada Urosevic (©Susanne Schleyer)

 

„Flüchtlinge“ wurde 2015 zum Wort des Jahres gekürt. Wir erinnern uns an das mediale Bombardement jener Monate, in denen es kein anderes Thema mehr zu geben schien. Das im Süd-Sudan mehr als eine Million Menschen vom Hungertod bedroht sind, das in der Ukraine 1,2 Millionen Menschen auf der Suche nach einem neuen Zuhause sind, das 12 Millionen Roma in Europa noch immer unter erbärmlichen und entwürdigen Bedingungen leben müssen, dass auf der Krim über 250 000 Tataren zunehmenden Repressionen der russischen Besatzungsmacht ausgesetzt sind, das die Arbeitsmigration in Europa mehr als zwei Millionen Kinder zwingt, ohne ihre Eltern aufzuwachsen – all das wurde und wird überlagert von dem einen Thema: „Flüchtlinge“.

 

An ihm droht nun die Europäische Union zu zerbrechen. Doch nicht wegen der Flüchtlinge aus Syrien, Pakistan, Afghanistan, Eritrea oder dem Irak. Sondern wegen der Rückkehr des Nationalismus, Chauvinismus und Rassismus in die Amtsstuben und Hirne europäischer Staatenlenker und Politiker. Was wird in den Geschichtsbüchern über das Jahr 2015 stehen? Das es das Jahr war, in dem die Europäer ihren Traum von Einheit, Freiheit und Brüderlichkeit aufgaben? Das Jahr, in dem wieder begonnen wurde, Burgen zu bauen und sich langsam wieder Gewehrläufe aus Schießscharten schoben wie im Mittelalter? Oder als das Jahr, in dem das „christliche Abendland“ mehrheitlich muslimischen Kriegsflüchtlingen zeigte, was es aus der eigenen Geschichte gelernt hatte?

Sechs Autoren – sechs Blicke auf Europa

Wir haben sie alle reden gehört, die Politiker, Intellektuellen und Journalisten unseres Landes. Jeder, der konnte, hat über das Thema sinniert, spekuliert, geschrieben oder gesprochen, in Talkshows seinen Senf dazugegeben. Was gibt es noch zu sagen? Was gibt es Neues zu erfahren? Nicht viel? Oder doch?

Der WDR hat sechs Autoren aus den Ländern der Balkanroute gebeten, seine Hörer in einem literarischen Essay teilhaben zu lassen an ihren Gedanken, ihren Beobachtungen, ihren Sorgen. Wie schaut man in den Ländern, durch die die Opfer des Krieges in Syrien nordwärts ziehen, auf die Karawanen, in der einige schon die neue Völkerwanderung auszumachen glauben. Wir wollten wissen, wie beobachten Autoren in der Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien den Umgang mit diesen Menschen? Und was erzählt er den Schriftstellern über ihr eigenes Land und über EUROPA?.