Auf den Spuren von Franz Fühmann

Vor 30 Jahren starb mit Franz Fühmann einer der streitbarsten DDR-Autoren. Kaum ein deutscher Autor hat sich derart radikal mit seiner Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt. Kaum ein DDR-Geborener, der nicht mit einem Fühmann-Märchen aufgewachsen ist.Fühmann, als junger Kriegsgefangener im sibirischen Gulag vom Sozialismus „überzeugt“ in die Heimat zurückgekehrt, fällt dort schon bald vom „neuen Glauben“ ab. 1965 wendet sich der Heinrich-Mann-Preisträger gegen den kulturpolitischen Kahlschlag durch die Kommunisten. Sein Briefwechsel mit Christa Wolf, erschienen im Band „Monsieur – wir finden uns wieder“, ist ein erschütterndes Dokument seiner wachsenden Verzweiflung am sozialistischen Experiment. Er zieht sich in die Provinz zurück, empfängt und fördert von dort aus junge kritische Dichter wie Uwe Kolbe, Gert Neumann, Wolfgang Hilbig. Als erster DDR-Autor beginnt er, mit Behinderten zu arbeiten und träumt von einer „therapeutischen Literatur“. Von der DDR totgeschwiegen, verbat er DDR-Offiziellen die Teilnahme an seinem Begräbnis. In seinen Grabstein lässt er folgenden Satz meißeln: „Ich grüße alle jungen Kollegen, die als obersten Wert ihres Schreibens die Wahrheit erwählt haben.“ Im kleinen Örtchen Märkisch Buchholz versucht nun eine Begegnungsstätte das Erbe von Franz Fühmann zu sichern, aufzubereiten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Mirko Schwanitz mit einer Spurensuche.

Also wir befinden uns hier im Märkischen. Wir haben hier Kiefernwälder um uns, es riecht wunderbar und wir haben Stille. Ich glaube, man hört das Surren von Mücken…

60 Kilometer vom Berliner Zentrum entfernt führt Paul Alfred Kleinert Gäste des Franz-Fühmann-Freundeskreises durch eine Schonung. Plötzlich bleibt er stehen, zeigt nach vorn…

Wir haben hier ein ganz kleines Häuschen inmitten der Heide. Seit 59 hat Fühmann hier gelebt und auch gearbeitet. Den Hauptteil hat er in der Garage gemacht.

 

Umgeben von Teilen seiner 13 000 Bände-Bibliothek, schrieb Franz Fühmann hier an seinem Prometheus, gab er der deutschen Literatur das von den Nazis so missbrauchte Nibelungenlied wieder zurück und stellte sich dem Drama des eigenen Lebens. In seinem Buch „Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens“ hat er es in wenigen Sätzen zusammengefasst.

Die neue Gesellschaftsordnung war zu Ausschwitz das andere. Über die Gaskammer bin ich zu ihr gekommen und hatte es als den Vollzug meiner Wandlung angesehen, mich ihr mit ausgelöschtem Willen als Werkzeug zur Verfügung zu stellen.

Als glühender Stalinist war der Jungdichter aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen. 1961 begrüßte er noch den Bau der Berliner Mauer. 1962 erschien seine Erzählung „Das Judenauto“, bis heute Schulstoff in Bayern und Baden-Würtemberg. 1963 interpretierte Marcel Reich-Ranicki Fühmanns Werk in seinem Klassiker „Deutsche Literatur in Ost und West“. Da hatte Fühmanns Bruch mit dem DDR-Regime längst begonnen.

Er hat gesagt, ich bin meinem Lied auf die Kehle getreten, denn ich habe Propaganda mit meiner Begabung gemacht – und dann wollte er das irgendwann nicht mehr…

Der Freundeskreis um Paul Alfred Kleinert bemüht sich nun, das Werk des Autors dem allmählichen Vergessen zu entreißen. Mit seinen Wanderungen zu Franz Fühmann führt er Interessierte von der Garage im Wald bis nach Märkisch-Buchholz. In dem kleinen Städtchen las der Dichter immer wieder vor Kindern seine wunderbaren Märchen, auch seinen Prometheus.

Gabi: Er hat bisher ja nur Gutes gesehen. Jetzt sieht er nur alles Schlechte, alles Böse, was … Fühmann: Ach Gabi! Das is ne dolle Frage! … Ach Kinder, da könnten wir jetzt ne Stunde drüber sprechen ….

Dieser zweite authentische Ort, ist diese alte Schule. Dort hat er mit Kindern zusammen probiert, mit der wunderbaren alten Lehrerin, die ihn dazu einlud, in der Zeit, wo er schon persona non grata wurde, nämlich in den Siebzigern. Da hat sich ja sehr deutlich geäußert, sowohl zu 68 als auch zur Ausweisung Biermanns 76. Und danach kriegte er keinen Fuß mehr auf die Erde …

Niemand im Ort ahnte, wie tief das Loch war, in das der berühmte Autor nach der Biermann-Affäre gefallen war, wie unheilbar krank er damals bereits war. 1982 erregte er mit seinem Buch „Der Sturz des Engels“, einem großartigen Essay über den Dichter Georg Trakl, noch einmal internationales Aufsehen, bevor er zwei Jahre später starb.

Wir sind jetzt hier auf dem Friedhof zu Märkisch Buchholz. Hier wollte Franz Fühmann beerdigt werden….

Fühmann hatte in seinem Testament den DDR-Oberen eine Teilnahme an seinem Begräbnis untersagt, erzählt Paul Alfred Kleinert am Grab des Dichters.

Es gibt ja diesen berühmten Auszug aus dem Testament. Und da schreibt er: „Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein. In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten.

Die Stadt und ein Trägerverein suchen nun dringend Sponsoren, um die Grundschule zu einem internationalen Fühmann-Begegnungszentrum auszubauen. Stolz präsentiert Vereinsvorsitzender Norbert Kapinos, was schon geschafft ist. Das Gebäude ist saniert, eine Bibliothek, ein Veranstaltungsraum sind eingerichtet, mit dem Aufbau einer Ausstellung wurde begonnen.

Der Ausstellungsbereich hat eine wunderbare Akustik. Wenn der Sonnenuntergang reinkommt, der kann hier durch die großen Fenster bis auf die andere Seite durchscheinen. Das ergibt eine magische Stimmung, die für die Aufnahme von Literatur sehr geeignet ist…

Produziert für Deutschlandfunk Kultur heute.