Armenien: „Wake up the souls“

Wie armenische Künstler die Folgen des Völkermords diskutieren

Am 24. April jährt sich der 100. Gedenktag des Genozids an den Armeniern. Noch nie wurde das Thema so breit diskutiert. Während in den USA, Deutschland und anderen Ländern noch heftig darüber diskutiert wird, ob der Begriff „Völkermord“ angebracht ist, thematisieren armenische Künstler ihre Jahrhunderte lange Rolle als Opfer und die Folgen des Genozids für ihre Gegenwart. Auch für die im Ausland lebenden Armenier ist der Völkermord noch sehr präsent.

Ani Matevosyan berichtet, wie armenische Künstler die Folgen des Völkermords diskutieren

In Jerewans Zentrum sind die Straßen gesperrt. Tausende von Menschen werden Donnerstag Abend am Platz der Republik erwartet. Bald spielt hier die Rockband „System of the Down“. Die Welttournee wird „Wake up the Souls“ genannt. Damit will die Musikergruppe auf den Völkermord an den Armeniern aufmerksam machen. Alle vier Bandmitglieder gehören zur Generation der Enkel oder Urenkel der Armenier, die nach dem Völkermordes vor 100 Jahren in die USA auswanderten. Die Folgen der Massaker sind für sie auch heute noch relevant. In ihren Liedern thematisiert die Band immer wieder auch den Genozid, analysiert Serafim Seppälä, Philosophie-Professor an der Universität von Ostfinnland.

Aus der philosophischen Perspektive sind die Passagen der Band „System of a Down“ am interessantesten, die den Genozid nicht konkret benennen sondern ihn umschreiben. Mein Lieblingsbeispiel ist das Friedenslied „So ein einsamer Tag“. Ihr vielleicht berühmtester Hit. In diesem Lied umschreiben sie wesentliche Elemente des Völkermords:  Gehen. Sterben. Und schließlich Überleben. Die Zerstörung fand genau so statt, in diesen Todesmärschen.

 

Araks Margaryan, Dozentin an der Akademie der Künste in der zweitgrößten armenischen Stadt Gyumri erläutert, dass es verschiedene Arten des Völkermordes gibt: Kulturelle Vernichtung. Physischen Mord. Sowie finanziellen Ruin. Im armenischen Fall geht Margaryan von allen drei Aspekten aus.

Wir sind ein Volk mit einer langen Kulturtradition. Unsere Leiden und Trauer haben wir immer durch Musik, Poesie oder andere Kunstformen ausgedrückt. Für uns ist es sehr schwer ein neues Leben aufzubauen, ohne die Anerkennung unserer Leiden. Viele haben ihr Trauma als Opfer nicht verarbeitet. Ich bin überzeugt davon, genauso wie künstlerische Talente vererbt werden, so wird auch das historische Gedächtnis weiter vererbt.

Wie viele andere Armenier geht Margaryan davon aus, dass die kollektive traumatische Erfahrung viele bis heute prägt. Wird die Opferrolle von Generation zu Generation vererbt? Ist eine Versöhnung zwischen Türken und Armeniern dann überhaupt denkbar?

Wir sind als Opfer erzogen worden. Wir müssen zunächst unser eigenes Trauma überwinden. Einige Nichtregierungsorganisationen fördern zwar einen oberflächlichen Dialog zwischen armenischen und türkischen Künstler. Aber das reicht nicht. Auch meine türkischen Kollegen sind der Meinung, dass dieses Problem zunächst juristisch aufgearbeitet werden muss. Die Staaten müssen sich einigen. Mit Kunst kann man zwar viel bewirken. Aber ein Kunstwerk ist keine Rechtsgrundlage.

Produziert für SR 2 Länge Sieben.