Armenien: Jerewan – eine Stadt sucht ihre Altstadt

Jerewans Altstadt

Am 18. April ist der Internationale Tag des Denkmals. Als Tag der Erinnerung an Geschichte und Geschichten. In Jerewan, einer der ältesten Städte Europas, ist von dieser Geschichte nicht mehr viel zu sehen. Tatsächlich hat die Stadtverwaltung von Jerewan, in der Sowjetunion noch als „die leuchtende Stadt“ beliebt, in den Jahren seit dem Zusammenbruch des Sozialismus das Stadtbild gründlich zerstört. Das, was noch übrig ist, muss man suchen. Ani Matevosyan zur Geschichte Jerewans, und was davon noch übrig ist.Jerewan hat eine eigene Hymne. Das zeugt vor allem von einem: Dem Stolz der Armenier auf ihre Hauptstadt. Fast jeder dritter der 3 Millionen Einwohner Armeniens wohnt hier, in Jerewan. Die Millionenstadt ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Jedes Jahr im Oktober wird das Altstadtfest gefeiert. Die Verantwortlichen betonen stolz, dass Jerewan im Jahr 782 vor Christus gegründet wurde. Somit ist Jerewan älter, als Rom. Sarhat Petrosyan lehrt Städtebau an der Ingenieurwissenschaftlichen Universität. Beim Tamanyan-Denkmal erzählt Petrosyan von der bewegten Geschichte Jerewans.

Die Stadt wurde von einem bedeutenden Architekten geprägt – das hier ist das Denkmal von Alexander Tamanyan. Er hat Jerewan als Gartenstadt entworfen. Viele Rundbögen sind mit unseren typischen vielfarbigen Steinen gebaut worden.  Das macht Jerewan interessant.

 

In Jerewan mischen sich europäische und orientalische Einflüsse, erläutert der 34 Jährige. Tamanyan, der die Stadt als europäische Stadt plante, hatte wohl nicht mit der Kreativität seiner orientalischen Einwohner gerechnet. Die Orientalen in Jerewan verwandelten die Balkone zu  Wohnstuben. Mit vielen Wäscheleinen, die von Haus zu Haus über die Strassen hingen. Und mit Familien, die ihre Zeit bis spät in die Nacht draußen verbrachten. Seit Anfang der 90er Jahre veränderte sich jedoch das Stadtbild und entsprechend auch das urbane Leben, erzählt Petrosyan.

Der Städtebau ist immer eine Reflexion des aktuellen politischen Systems. Es gibt einen großer Zusammenhang zwischen dem, was gebaut wird und dem politischen Leben in Armenien. Was bei uns heutzutage geschieht, zeugt von schlechter Regierungsführung und der Entwicklung eines  oligarchischen Systems.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion verschwanden als erstes die Denkmale von Stalin und Lenin. Auch Marx und Engels sind heute im Stadtbild nicht mehr zu sehen. Armenien wurde am 21. September 1991 ein eigener Staat. In der Folge erhielten die Straßen Namen von armenischen Dichtern und anderen bekannten armenischen Persönlichkeiten. Der neue Staat privatisierte das Wohnungswesen sowie die ehemals sowjetischen Fabriken. Es entstand eine neue Armut. Viele Armenier wanderten aus.  Susanna Papikyan lebt in Jerewan seit sie denken kann.

Es gibt keine alten Jerewaner mehr in der Stadt. Viele sind entweder in den Westen oder nach Russland gegangen. Ich bin hier geboren und habe mein ganzes Leben an den Kaskaden in Jerewan gewohnt. Aber heute, wenn ich spazieren gehe, sehe ich keine bekannten Gesichter mehr. Ich kann niemanden mehr begrüßen. Sogar die Gebäude sind neu. Die Alten werden abgerissen und neu aufgebaut.

Die Geschichte Jerewans sucht man im Stadtbild inzwischen vergeblich. Hinter sozialistischen Monumentalbauten oder den Kaskaden des neuen, aber leider fast leerstehenden Cafesijan Art Center, das einmal das „Guggenheim des Kaukasus“ werden sollte. Das kulturelle Erbe wurde in Museen gesperrt, durch die noch der Atem des Sozialismus weht. Tatsächlich ist Jerewans Zentrum derzeit eine große Baustelle. Neben den rosafarbenen Gebäuden aus Tuffsteinen entstehen nach europäischen Standards gebaute Hochhäuser. Die Immobilienpreise des Zentrums sind inzwischen mit europäischen Metropolen vergleichbar. Ein auffälliges Beispiel ist die Northern Avenue. Nach der Enteignungen der ursprünglichen Bewohner im Jahr 2007 sind Glaspaläste entstanden, – die zum Teil immer noch leer stehen.

Die Wichtigkeit und Wertschätzung der Geschichte, das hat praktisch keine Bedeutung mehr. Jerewan ist eine uralte Stadt. Doch das erscheint heute mehr als Mythos und ist nicht mehr im Stadtbild zu sehen. Die Altstadt ist verschwunden. Die letzten Überreste des alten Jerewan, jede einzelne Mauer, sollten wir als Schmuckstück wertschätzen.

Susanna Papikyan vermisst den Flair der früheren Altstadt  sehr. Für sie ist die Geschichte ihrer Heimatstadt  unwiederbringlich verloren. Das Leben ist für die 67Jährige Ingenieurin heute so trist wie seinen neuen Gebäude.

Alle Parks hat man zu Restaurants und Kaffees umgebaut. Früher verbrachte ich viel Zeit in unseren schönen Gärten. Jetzt muss man dafür zahlen. Die Parks sind nicht mehr zum Vergnügen da, sondern um Geschäfte daraus zu machen. Wenn ich an den Bäumen meiner Kindheit vorbeilaufe, kommen mir die Tränen.

Produziert für SR 2 Länge Sieben.