Armenien: Armen Sahakjan und die sterbenden Handschriften

Unweit vom Zentrum der armenischen Hauptstadt Yerewan liegt der Berg Hagthanak. An seinem Fuße, nur über zahlreiche Treppenstufen zu erklimmen, steht ein etwas düster wirkendes Gebäude –  bewacht von der Statue des Mesrop Mashtots, dem Erfinder des armenischen Alphabets. Matenadaran nennen die Armenier das Gebäude, was übersetzt einfach nur „Bibliothek“ heißt. Dennoch steht ein Besuch dieses Gebäudes auf dem Programm fast aller Armenien-Touristen. Denn in einem Teil des Hauses gibt es ein Museum alter Handschriften – so alt, dass die UNESCO die Sammlung zum Weltdokumentenerbe erklärt hat.Im Schatten des Matenadaran arbeiten viele Menschen, um dieses Weltdokumenten-Erbe zu erhalten und für die Nachwelt zu retten. Denn viele der Handschriften sind krank – befallen von Tintenfraß und Schimmelpilz. Mirko Schwanitz hat einen dieser Menschen getroffen.

Einsam steht Armen Sahakjan in einer endlos scheinenden Steppe. Er starrt auf den Boden, bückt sich ab und zu, ganz so als habe er etwas verloren und wolle es nun wiederfinden.

Wir sind in der Ararat-Ebene. Es gibt hier geheime Erdspalten. An zehn Tagen im Jahr, genau zwischen sieben und neun Uhr, erscheint hier die Koschinill-Laus an der Erdoberfläche. Ich brauche sie für die Restauration alter Miniaturen.

 

 

Als Armen Sahakjan meinen fragenden Blick bemerkt, lädt er mich ein mitzukommen, in die armenische Hauptstadt Jerewan. Unweit vom Zentrum, dem Glockenspiel am Platz der Republik erklimme ich mit Armen Sahakjan einen steilen Pfad, hinter dem Matenadaran . Mit über 120 000 Archivdokumenten gilt das Matenadaran heute als eine der bedeutendsten Handschriftensammlungen der Welt.

Ich bin  Mitarbeiter der medizinischen Abteilung des Matenadaran. Von Beruf bin ich Arzt. Heute beschäftige ich mich hauptsächlich mit der Rettung alter Handschriften.

Im Jahre 301 hatte Fürst Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion gemacht. Seit dem 5. Jahrhundert haben die Armenier ein eigenes Alphabet. Nicht Gold und Geld gelten den Armeniern als Staatsschatz, sondern die seitdem durch alle Zeitläufte geretteten uralten Handschriften, erklärt mir Armens Chefin, die Leiterin der Restaurationsabteilung, die am Ende des steilen Pfades auf uns wartet.

Viele Handschriften sind Originale, die durch alle Wirren der Jahrhunderte vor der Vernichtung bewahrt wurden. Während des Genozids an unserem Volk durch die Türken nahmen viele Armenier nicht ihre Wertsachen, sondern alte Bücher mit auf ihre Flucht durch die syrische Wüste. Diese Handschriften haben sozusagen alle Qualen ihrer Retter miterlitten.

Mein Labor ist klein. Ich gewinne hier nach uralten Rezepturen aus Pflanzen die Farben zur Restaurierung der Miniaturen. Die Wände habe ich mit Bienenwachs bedeckt, um den Staub besser binden zu können. Kein Labor wie Sie es in Westeuropa kennen, hier sieht es  eher aus wie in einer Tropfsteinhöhle aus dem Märchen.

 Armen Sahakjans „Tropfsteinhöhle“ liegt  hinter einer eisernen Tür im Berg, getarnt hinter dichtem Brombeergestrüpp.

Die Rezepturen habe ich in uralten Schriften gefunden. Aus den Koschinill-Läusen mache ich Rot. Für Schwarz verasche ich  Skorpione. Auch Ameiseneier und Knoblauchsäfte brauche ich, um die Farben zur Restaurierung der Miniaturen in den uralten Schriften herzustellen.

Die trägt er dann in kleinen Fläschchen den Weg wieder hinunter ins Matenadran, wo – wie im Mittelalter – noch wahre Meisterkalligraphen arbeiten, um die von Tintenfraß und Schimmelpilz befallenen Schätze zu restaurieren. Dass das Museum des Matenadaran heute tausende Touristen anzieht, ist auch den Farben von Armen Shakjan zu verdanken.

Produzier für SRF Kultur.