Anstößige Bücher

Belarus verbietet Verlag für belarussische Literatur

Nur selten dringen Informationen aus Belarus zu uns, dem Reich von Präsident Alexander Lukaschenko, der von einigen als „letzter Diktator Europas“ bezeichnet wird. Wie Lukaschenko mit Leuten umgeht, die an der Fassade des Regimes kratzen, musste erst jüngst der Verleger Igor Logwinau erfahren. In den vergangenen 13 Jahren hatte sein Verlag sich zum führenden Verlagshaus für junge moderne belarussische Literatur entwickelt. Nicht nur, weil alle bei ihm veröffentlichten Autoren statt in Russisch auf Belarussisch veröffentlichten, sondern auch weil sie sich in ihren Büchern zunehmende kritisch mit der Geschichte und Gegenwart in ihrem Land auseinandersetzten, machte das Regime dem Verlag bereits seit Jahren das Überleben schwer. Nun hat es ihn ganz verboten. Mirko Schwanitz und Ivan Gayvanovich berichten.

Eine Buchhandlung in Minsk. Ein kleiner Raum, Wände aus Regalen voller Bücher. Bestseller, Übersetzungen bekannter Autoren. Doch die meisten Kunden, die hierher kommen, suchen vor allem eines: Die jungen Wilden der weißrussischen, oder auch belarussischen Literatur. Aus einem benachbarten Cafe dringt Musik. Der Besitzer des Ladens, Igor Logwinau, ist nicht nur Buchhändler. Er ist vor allem ein für die junge belarussische Literaturszene wichtiger Verleger – besser gesagt: Er war ein wichtiger Verleger….

Das ist eine lange Geschichte. Sie begann schon vor zwei Jahren. Damals, 2011 gaben wir einen Bildband heraus. Sein Titel: „Press-Foto Belarus“. Ich hatte es nach dem berühmten Vorbild der World-Press-Foto-Bände gestaltet, die seit 1953 jedes Jahr weltweit erscheinen. Der Bildband zeigt nicht nur schöne Landschaften, sondern auch die ungeschminkte Seite des Lebens im Belarus des Alexander Lukaschenko. Das erregte den Zorn einer Kommission für Ideologie, die den Verleger vor Gericht zerrte.

 

Logwinau holt eines der wenigen, noch existierenden Exemplare aus einer Schublade und tippt auf ein Pressefoto, das Auseinandersetzungen oppositioneller Demonstranten und der Polizei bei den letzten Präsidentenwahlen zeigt. Wegen dieses Bildes wurde der Verkauf des Bildbandes verboten, die ausgelieferten Exemplare aus den Buchhandlungen des Landes entfernt und vernichtet. Die Begründung: Der Bildband sei als extremistische Literatur einzustufen.

Wie kann das denn extremistisch sein? Das ist ein Teil unserer Geschichte. Es sind Fotos von den Geschehnissen, die bei den Präsidentenwahlen in Belarus im Jahr 2010 genauso stattgefunden haben.

Was wirklich hinter dem Verbot steckte, erfuhr Logwinau wenig später. Das Informationsministerium nahm das Verbot des Bildbandes zum Anlass, den ganzen Verlag als extremistisch einzustufen und ihm die Lizenz zu entziehen. Es sei also gar nicht um diesen Bildband gegangen, sagt eine Besucherin in Logwinaus Laden.

In der belarussischen Literatur hat der Logwinau-Verlag einen hervorragenden Ruf, er hat Kultstatus und ist zu einer Marke geworden. Alle jungen, auf belarussisch schreibenden Autoren, strebten danach, bei Logwinau herausgegeben zu werden.

Der belarussische Präsident, meint die Frau, würde die Sprache des eigenen Volkes für minderwertig halten und ließe daher nichts unversucht, das Russische zur dominierenden Sprache zu machen.

Das Belarussische, erklärt Logwinau, habe Elemente des Russischen, Ukrainischen und Polnischen in sich aufgenommen, wobei der polnische Anteil überwiege. Während der Sowjetzeit jedoch wurde das Belarussische als Sprache von Tölpeln und Bauern verunglimpft. Viele glaubten noch heute an diese Indoktrination. Die von ihm verlegten Autoren beweisen nun, dass das Belarussische als Literatursprache ebenbürtig neben dem Russischen steht. Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ließ man den Verleger schon lange spüren, dass der Staat keinerlei Interesse an der Herausgabe von Büchern in der Nationalsprache hat

Es gab bisher zwar kein direktes Verbot, aber es gab stets einen Druck. Immer wieder wurde unsere Verlagstätigkeit behindert, eingeschränkt. Zwei Jahre lang war es dem staatlichen kontrollierten Buchhandel zum Beispiel verboten, unsere Bücher in den Buchhandlungen zu verkaufen. 90 Prozent der bei mir verlegten Autoren wurden nie zu Interviews ins Fernsehen oder Radio eingeladen.

Der Lizenz-Entzug soll nicht nur einen einzelnen Verlag treffen, sondern die Entwicklung einer modernen, kritischen belarussischen Literatur behindern. So bewertet zumindest der belarussische Autor und Satiriker Oleg Nowikau, das Verbot des Verlages.

Das ist ein harter Schlag für die gesamte belarussischsprachige Literatur und den gesamten Prozess der literarischen Entwicklung in unserem Land. Bisher wusste ein Autor, wo er seine auf belarussisch geschriebene Manuskripte veröffentlichen konnte. Jetzt steht der Autor auf der Straße und weiß nicht mehr, wohin er mit seinem Text gehen soll.

Warum die Regierung die Entwicklung einer belarussischen Nationalliteratur fürchtet, kann auch Nowikau nicht sagen. Er wisse nur eines, der Unterschied zwischen der Literatur der im Logwinau-Verlag herausgegebenen Autoren und den vom Staat hofierten Schreiberlingen sei ziemlich groß.

Wenn wir uns die Bücher der sogenannten offiziellen Schriftsteller anschauen, dann sieht man, dass in ihren Romanen und Erzählungen der sozialistische Realismus überlebt hat. Nur, dass diese Autoren das heute mit Elementen der westlichen Massenkultur zu kaschieren versuchen. Genre- und stilistische Vielfalt aber findet man in Belarus vor allem in der alternativen literarischen Subkultur.

Für die moderne belarussische Literatur ist die Schließung des Logwinau-Verlages ein herber Verlust. Mit ihm verliert sie ihre Heimat. Igor Logwinau hat bereits die Hälfte der Mitarbeiter entlassen müssen. Nun überlegt er, seine Arbeit von Litauen aus fortzusetzen.

Wir leben in Belarus. Wir beschäftigen uns mit belarussischer Literatur. Und nun soll alles damit enden, dass wir unsere eigene Literatur aus dem Exil in unser eigenes Land importieren müssen? Es kann sein, dass alles so endet. Aber irgendwie hoffe ich noch immer, dass wir unsere Arbeit hier fortsetzen können.

Produziert für Deutschlandradio Wissen.