Zu Besuch bei den Eisenbiegern

Ein Nachmittag im Freiluftfitnesszentrum von Kiew

Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, ist ein Perle – das wissen alle, die schon einmal dort gewesen sind. Die Lage der Stadt am drittgrößten Strom Europas dem Dnipro, das berühmte Kiewer Höhlenkloster, der Altstadt-Hügel und nicht zuletzt der Maidan, auf dem einst die „Orangene Revolution“ ihren Anfang nahm machen das Flair dieser Stadt aus. Die wenigsten Besucher aber werden auf den Gedanken kommen jenen Platz zu besuchen, der von Ferne und auf den ersten Blick eher wie eine Strafkolonie aussieht, in der sich gebräunte und nicht selten tätowierte furchteinflößende Gestalten tummeln. Dabei liegt dieser Stadt mitten in der Stadt. Mirko Schwanitz und Ivan Gayvanovych wollten wissen, was es mit diesem Platz auf sich hat und fanden sich plötzlich inmitten von Männern, die die Kiewer die „Eisenbieger“ nennen.

Nur drei Stationen fährt die Metro vom Kiewer Stadtzentrum bis hinüber auf eine riesige Insel mitten des Flusses, der Kiew in zwei Hälften teilt. Nur zehn Minuten sind es von hier bis zum Maidan-Platz und Hauptstraße Chreschtschatyk, und zehn weitere – bis zum alten Podil-Viertel und Kiewer Montmartre – Andrijiwskyj Abstieg mit seinem buckligen Kopfsteinpflaster, den Freiluftgalerien und jenem Haus, in dem der Schriftsteller Michail Bulgakow seinen berühmten Roman „Meister und Margarita“ schrieb. Wer aus der Metro-Station „Hydropark“ kommt, riecht schon den Fluss und  auch Duft des gebratenen Fleisches.  Die nächste Gegend um die Metro-Hydropark ist mit den Restaurants, Kneipen und Imbissen besetzt. Aber Petro Schachanow führt uns entlang der Vergnügungsmeile weiter, da wo die laute Musik nicht hörbar ist.

 

Wenn den Kiewern Abgase und Sommerhitze das Atmen schwer machen, suchen viele in Hydropark die schattige Kühle baumbestandener  Wege oder einen stillen Badeplatz. Petro aber will uns sein Zuhause zeigen. Über eine Ponton-Brücke kommen wir zur Dolobetzkyi-Insel, die vom Hydropark mit einem Kanal getrennt wird und im Vergleich zum benachbarten Insel viel „wilder“ ist. Aber gerade hier fühlt sich Petro zu Hause. Er breitet die Arme aus, amüsiert über unser Erstaunen.

Vor uns liegt Kiews ungewöhnlichste Sehenswürdigkeit – ein Freiluftfitness-Zentrum wie aus einem Science-fiction:  Eisenungetüme, lauernde Maschinenkrieger, die sich als  Bauchmuskeltrainer, Rudergeräte oder Hantelbänke entpuppen. Jedes einzelne dieser Geräte würde deutschen Bodybuildern den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Aber Petro winkt mit lässiger Geste ab.

Hier sind alle Geräte sicher. Und von hoher Qualität. Wir hatten zunächst einige fertige Trainingsgeräte gekauft. Aber die haben einfach den Belastungen nicht standgehalten, weder dem Training noch den Witterungsbedingungen. 

Petros Augen blitzen uns aus einem Gesicht an, dessen Farbe ein wenig dem Rost gleicht, der einige Teile dieser Geräte „Marke Eigenbau“  wie eine Patina bedeckt. Hier also hat er sich seinen unglaublichen Stiernacken antrainiert. Hat alte Kardanwellen gestemmt und zusammengeschweißte Eisenbahnschienen. Hat sich unter Armierungsstähle gelegt, die in Betongewichten enden und mit alten Panzerketten gekämpft. Abrüstung auf Ukrainisch, lacht er und schüttelt einem älteren Mann, den er respektvoll nur mit dem Name und Nachname – Jurij Wasyliovitsch – nennt, die Hand. Der erinnert sich daran, wie hier alles anfing:

Ein Enthusiast hatte in den 70er Jahren eine Reckstange zwischen zwei Bäume montiert.  Das brachte uns auf die Idee, hier etwas völlig Neues zu machen. Wir begannen, Trainingsgeräte für verschiedene Muskelgruppen einfach nachzubauen – für Bauch, Rücken, Hände… Am Anfang verwendeten wir vor allem alte Autoreifen, später dann Eisen. 

Juri Kuk ist 68. Er hat die meisten Geräte hier entwickelt. Die Reckstange gibt es im Übrigen immer noch. Fast zärtlich hat die Rinde zweier Pappeln ihre Enden umschlossen, als wollten sie der Stange für immer und ewig Halt geben. Kaum 50 Meter entfernt wurde damals die erste Hantelbank aufgestellt. Immer mehr Geräte kamen hinzu, abenteuerliche Konstruktionen: Hier wurden keine Schwerter zu Pflugscharen, sondern Panzerketten zu Trimmgeräten, Eisenbahnräder zu Bizepstrainern, Schiffsschrauben zu Trizepsoptimierern. Heute spiegeln sich mehr als 200 Kraftmaschinen in Juri Kuks viereckiger Brille.  Alle sind sie einbetoniert und mit schweren Ketten gesichert. Selbst die 350-Kilo-Hantel, die Petro schiebt.

Es gibt Leute, die unseren Platz regelrecht plündern würden.  Die einen brauchen was für ihre Datscha auf dem Dorf. Die anderen wollen unsere Geräte, um sie als Schrott zu Geld zu machen.  Lange hatten wir deshalb auch Hunde hier. Aber vor kurzem hat jemand all unsere Tiere vergiftet. 

Wenn Eisen auf Eisen kracht, und die Stahlketten rasseln, ist Hochbetrieb auf dem Platz. Dann schielen einige der 200000 Menschen, die die Drehkreuze der Metrostation „Hidropark“ an heißen Sommertagen Richtung Insel schleudern, schon mal verstohlen hinüber zu den „Eisenbiegern“. Die meisten aber halten Abstand. Zu furchteinflößend sind die Maschinen, von den Männern ganz zu schweigen. Dabei haben die eigentlich eine ganz weiche Seele, meint eine Frau, die gerade Warm-up hat:

Alle, die hier trainieren, bleiben. Sie bringen Freunde mit, machen Bekanntschaften, manche heiraten sogar. Ich jedenfalls komme gern hierher, es gefällt mir hier sehr.

Was die meisten nicht wissen: Es sind ganz normale Leute, denen dieser in tausenden Stunden ehrenamtlicher Arbeit zusammengeschweißte Fitnesspark  im Herzen der ukrainischen Hauptstadt ans Herz gewachsen ist. Wie die Journalistin Valeria könnten sich viele ohne Weiteres ein teures Fitness-Studio leisten. Dennoch kommen sie lieber in den Park der Eisenbieger.

Schau, da haben wir ein Schweissgerät, auch Schleifmaschinen, Sägen und so weiter….

Seitdem alle Hunde tot sind, ist Petro der Zerberus, der direkt neben den Geräten in einer Hütte lebt, den Platz rund um die Uhr bewacht, in Ordnung hält und bei den Trainierenden Spenden eintreibt – für Strom, Wasser, die notwendigen Ausbesserungen.

Jeder spendet so viel, wie er kann.  Es gibt welche die gar nichts geben, aber auch andere, die oft spenden. Das ist bei uns nicht anders als in der Kirche. Vom Staat haben wir keine Unterstützung. Aber wir sind schon dafür dankbar, dass der Staat sich hierher nicht einmischt.

Juri Kuk schüttelt unmerklich den Kopf. Er spürt, dass irgendetwas im Gange ist. Unweit von hier hat die Stadt Gelände an einen Investor verkauft. Ein moderner Sportkomplex wächst dort in die Höhe.

Wir wollen dieses Grundstück schon seit langem von der Stadt pachten, um Sicherheit zu haben, das wir bleiben können.  Aber die Stadt will von uns mehrere Millionen Hrywnia. Nun machen wir uns Sorgen, dass irgendein Oligarch kommt und die ganze Insel kauft. Nach mehr als 40 Jahren ist plötzlich unklar, ob wir hier bleiben dürfen.

Am Abend weht der Wind die wummernden Beats der Vergnügungsmeile herüber, die die Männer seit Jahren auf sicherem Abstand halten. Einmal, als Nobelkarossen den Eisenbiegern die Auspuffgase direkt auf die Hantelbank bliesen, so erzählt Petro (oder Jurij Kuk, aber egal), hätten sie dort mit freien Oberkörpern einfach mal auf ein Bier vorbeigeschaut. Seitdem parken die Autos wieder in sicherer Entfernung. So einfach wird das mit den Oligarchen sicher nicht. Aber kleinkriegen lassen wollen sich die Eisenbieger von Kiew nicht. Nicht nur, weil ihr weltweit einzigartiges Fitness-Studio lebendiger Teil der Stadtgeschichte, sondern vor allem, weil es ein Teil ihres Lebens geworden ist.

Produziert für Deutschlandfunk Sonntagsspaziergang.