Volleyball über den Grenzzaun

Proteste gegen neue Grenzbarrieren in Slowenien und Kroatien

DSC_4126 Radetic

Es ist die Zeit der Zäune und Mauern. Nicht nur an den Außengrenzen der EU. Slowenien, das erste osteuropäische Land, das in die EU aufgenommen wurde, errichtet jetzt nach Victor Orbans Vorbild Stacheldrahtzäune zum EU-Nachbarn Kroatien. Die kroatischen und slowenischen Behörden schauen inzwischen aber verdutzt auf den Widerstand, der sich im istrischen Grenzland gegen den Zaun formiert. Die Menschen der Region, bekannt für ihre Toleranz, ihr friedliches Zusammenleben und für ihre Mehrsprachigkeit sind empört. Immer mehr Bürgerinitiativen gründen sich und machen mit Aktionen auf ihren Protest aufmerksam. Bojana Radetic und Mirko Schwanitz berichten.

140 Kilometer ist der Stacheldrahtzaun inzwischen lang. Es ist der erste, der nicht an der EU-Außengrenze errichtet wird. Angeblich soll er den illegalen Grenzübertritt von Flüchtlingen verhindern. In Wirklichkeit wird dieser Zaun in Zukunft die EU-Staaten Slowenien und Kroatien voneinander trennen. Doch mehr und mehr wächst sowohl auf kroatischer, als auch auf slowenischer Seite der Widerstand –  zum Teil in ungewöhnlicher Form

So kommen bei Lucija-Brezovica die Jugendlichen der kroatischen und slowenischen Grenzgemeinden zusammen, um ihren Protest gegen den Zaun Ausdruck zu verleihen, indem sie über den Stacheldraht Volleyball zu spielen. Unter ihnen auch David Petretić

Der Zaun muss weg. Wir leben hier doch alle schon seit langem zusammen und kommen gut miteinander zurecht. Dieser Zaun macht hier gar keinen Sinn.

Tatsächlich sind hier, in Istrien und der angrenzenden Region Gorski Kotar noch nie Flüchtlinge aufgetaucht. Und nie haben sich die Menschen hier so viele Gedanken über Europas offene Grenzen gemacht wie in diesen Tagen. Der Zaun macht plötzlich deutlich, was wir alle verlieren. Das zumindest meint Gemeinderat Slobodan Juračić.

Wir fahren jetzt an den Grenzübergang Lipa-Novokračine,  um gegen diesen Zaun zu protestieren, der uns allen nichts bringt,  außer dass wir aus ihm ständig Wildtiere entfernen müssen, die in dem Stacheldraht völlig umsonst sterben

Als Juračić am Grenzübergang eintrifft, sind schon 200 Menschen aus den Grenzgemeinden versammelt. Transparente sind zu sehen. „Wir wollen kein getrenntes Europa“, steht auf einem. Ein paar Jagdfreunde entfalten ein Transparent, das kurz für Heiterkeit sorgt: „Auch Wildtiere sind EU-Bürger“. Reden werden gehalten. Die Leute sind wütend. Auch weil sie um eine ihrer Haupteinnahmequellen fürchten, sagt der Bürgermeister der Grenzgemeinde Matulji Mario Ćiković

Keinem ist es angenehm, an diesem Zaun spazieren zu gehen. Es ist ein hässliches Bild für die Touristen, die zu uns kommen. Erst vor zweieinhalb Jahren haben wir hier das Verschwinden der Grenzen und den Beitritt in die EU gefeiert – und nun das….

Die Gegend lebt vom Tourismus. Nur wenige Kilometer sind es von hier bis ans Meer. Die Bewohner Istriens sind bekannt für ihre Toleranz und ihre Mehrsprachigkeit. Einen Zaun hatten wir hier noch nie, sagt Vinko Surina. Der 87jährige aus dem Dorf Rupa ist der älteste in der Menge.

Hier sind doch alle Familien kroatisch-slowenisch gemischt. Wir kennen hier alle Wege, ins slowenische Nachbardorf gingen wir immer durch den Wald Wir haben drüben selbst ein Waldstück. Wie soll ich jetzt mein Holz von der anderen Seite holen.

Dieser Zaun wird keinen Flüchtling aufhalten, aber das Leben unserer Familien und die wirtschaftliche Zusammenarbeit der slowenischen und kroatischen Gemeinden extrem beeinflussen, sagt Erik Fabijanić, Präsident von Landkreises Primorje-Gorski Kotar

Wir pflegen hier Werte wie Freiheit, Gleichheit, Würde und  Solidarität. Diese Werte sind nun durch diesen Zaun in Frage gestellt. Wir fordern vond er slowenischen Regierung, dass dieser Zaun sofort wieder abgebaut wird.

Die slowenischen Grenzbeamten sehen aus, als schämten sie sich für ihre eigene Regierung. Rechts und links von ihren Posten zieht sich nun ein 1,9 Millionen Euro teurer, zwei Meter hoher Fremdkörper durch die Landschaft. Als wir abends zurückfahren sehen wir, dass jemand Weihnachtskugeln in den Zaun gehängt hat.

Produziert für WDR 5 Osteuropamagazin.