Japan: Wohnen im Manga-Café

 

                                              Akihiro Satoh

Akihiro Satoh

Japans Verlierer in der Finanzkrise sind die Zeitarbeiter. Ihr Anteil liegt bei knapp einem Drittel auf dem Arbeitsmarkt. Gerade zu Beginn des Jahres verloren sie im Wirtschaftsabschwung zu Tausenden ihren Job und gleichzeitig ihre Wohnung. Um sich vor der Obdachlosigkeit zu schützen, flüchten sie in die rund um die Uhr geöffneten Mangacafés. Dort können sie übernachten, duschen und Wäsche waschen. Und im Internet nach neuen Jobs schauen. Akihiro Satoh hat auf diesen Trend mit dem passenden All-Inclusive-Tarif reagiert. Die Krise trifft ihn nicht. Während an der Börse die Kurse fallen, kann er expandieren. Ein Beitrag von Maximilian Grosser.

Tokios hektisches Stadtleben bietet nur wenige günstige Rückzugsräume. Aber in den Manga-Cafés findet die hippe Jugend das Richtige, um nach einer Shoppingtour oder durchtanzten Nacht bis zum nächsten Arbeitstag zu entspannen.

In schrillem Ambiente stehen Tausende Mangacomicbände und DVD´s in langen Regalen. Vor allem Internetsüchtige zieht es hierher. Die tauschen ihre Wohnung gegen ein kleines Abteil mit Computer und ziehen jede Nacht in ein anderes Café um.

Auch Akhiro Satoh betreibt ein Manga-Café in einer der vielen Vorstädte Tokios. Sein Café ist gemütlicher als andere und ruhiger. Die Wände und Regale bestehen aus dunklem Holz – ein fast klassisches Caféambiente. Stolz präsentiert Satoh eine seiner Aufenthalts-Boxen von knapp 4qm, umrahmt von 2 m hohen Holzwänden.

 

Die übliche Ausstattung für die Gäste eines Manga-Cafés. Der Unterschied ist, bei Satoh können die Gäste länger als eine Nacht bleiben – wochen-, auch monatelang. Durchschnittlich bleiben die Dauerwohner zwischen drei Monaten und einem halben Jahr. Seit Japan von der Wirtschaftskrise erfasst wurde, ist der Bedarf an Satohs Boxen gestiegen.

Das ist die dritte Etage. Wir wollten zuerst nur diese Etage für die Dauerbewohner anbieten. Sehen sie, die vielen Schuhe vor den Boxen. Auf dieser Seite wohnen nur Frauen – alle Boxen sind besetzt. Das ist Wahnsinn, oder?

Seine Gäste sind eine neue Subkultur der japanischen Gesellschaft. Bis vor Kurzem arbeiteten sie bei den großen Automobil- und Elektronikkonzernen als Zeitarbeiter. Doch mit dem Einbruch der Exportwirtschaft kam für viele die Kündigung Gleichzeitig verloren sie auch die Firmenwohnung.

Das soziale Netz hier funktioniert nur bedingt. Wenn die Zeitarbeiter ihren Arbeitsplatz und die Wohnung verlieren, können sie nirgends einfach Hilfe bekommen. Das Problem ist nicht neu. Aber jetzt sind es so viele, dass auch die Medien darauf aufmerksam geworden sind.

Rund 500 € werden an der Rezeption für ein Monatspaket verlangt. Internet, Getränke und die Nutzung einer Bibliothek mit knapp 20.000 Manga-Comics und DVD‘s sind inklusive. Dusche und Waschmaschine kosten extra. Eine Wohnung in Tokios Außenbezirken wäre günstiger. Doch ohne Arbeitsvertrag erhält keiner einen Mietvertrag. Satoh war früher Hotelmanager. Deshalb weiß er, welchen Service er anbieten muss.

Wir sind eigentlich eine Immobilienfirma und haben Erfahrungen mit Hotels und Apartments gemacht. Nun wollen wir diese Konzepte mit dem des Manga-Cafés verschmelzen.

Durch die Krise könnte es vielleicht wieder zu einem WG-Boom wie im Tokio der 70er Jahre kommen, glaubt Satoh. Damals zogen Idealisten und Künstler in kleine Wohngemeinschafts-Zimmer, weil sie zu wenig für eine eigene Wohnung verdienten. Satohs Café ist so etwas wie die Wohngemeinschaft der Gegenwart.

Mein Wunsch ist es, dass es wieder mehr solcher Wohngemeinschaften wie früher gibt. Und ich glaube, dieser Bedarf existiert immer unter den benachteiligten Schichten. Deswegen wollen wir weitere solcher Manga-Cafés eröffnen. Wir sehen das Problem als Geschäft.

Akhiro Satohs Strategie geht auf. Die knapp 50 Boxen seines Manga-Cafés sind ausgebucht. Satohs guter Service ist begehrt, auch erhalten die Dauergäste hier eine feste Adresse. Ohne die hat man sowieso kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Gerade hat Satoh sein zweites Café aufgemacht. Noch mehr Verlierer der Rezession sollen bei ihm ein würdevolles Leben im Zustand zwischen wohnhaft und obdachlos führen können – und den Café-Manager weiterhin zu einem Krisengewinner machen.

Produziert für WDR 3 Resonanzen.

Mitarbeit: Keiko Hoshino