Hohe Operationszahlen – Fehlentwicklung im Gesundheitssystem

Dr. Med Jan-Christoph Loh

Dr. Med Jan-Christoph Loh

 

In Deutschland wird sehr viel häufiger zum Skalpell gegriffen als in anderen europäischen Staaten. Das ist eines der Ergebnisse von zwei Studien zu vergleichenden Operationszahlen, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) für acht europäische Staaten und die Bertelsmann-Stiftung ergänzend zu Deutschland jüngst vorgestellt haben. Medizinische Gründe, warum in Deutschland so viel öfter operiert wird als anderswo, gibt es nicht. Gesünder werden die Patienten durch hohe Operationszahlen auch nicht. Warum also wird so oft operiert? Und wie könnten Operationen wieder zu dem werden, was sie sein sollten: Medizinisch notwendige Eingriffe zur Förderung der Patientengesundheit?Jutta Schwengsbier hat nach den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten für Fehlentwicklungen im Gesundheitsbereich gefragt

Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hat große regionale Unterschiede bei Operationen in Deutschland gefunden. In Bayern werden zum Beispiel deutlich mehr Kniegelenke implantiert als in Mecklenburg-Vorpommern. Kindern werden in einigen Regionen bis zu acht mal häufiger die Mandeln entfernt als in anderen Regionen. Medizinisch begründet seien diese großen regionalen Unterschiede nicht, sagt Marion Grote Westrick, eine der Autorinnen der Bertelsmann-Studie.

Die Gemeinsamkeit zwischen der Bertelsmann-Stiftung Studie und der Studie der OECD ist, dass eigentlich in vielen Ländern diese regionalen Unterschiede gezeigt werden können. Dass es überall darum geht, Lösungen zu finden, wie man unerwünschte regionale Unterschiede ausgleichen kann. Und tatsächlich sind das Zeichen auch eines Gesundheitssystems, was Qualitäts- und Gerechtigkeitsprobleme aufweist.

 

Für viele Krankheitsbilder fehlen oft allgemeingültige medizinische Leitlinien und die Möglichkeit für Patienten, die Behandlungsvorschläge ihres Arztes durch eine unabhängige Zweitmeinungen überprüfen zu lassen, urteilt auch Divya Srivastava. Die Ökonomin hat für die OECD die Gesundheitssysteme mehrerer europäischer Ländern verglichen.

Es wurde eventuell überprüft, ob Patienten eine Ersatz ihres Implantats brauchen. Nach der Behandlung wurde überprüft, ob sich die Gesundheit der Patienten verbessert hat oder nicht. Solche Prüfmechanismen gibt es. In unserer Studie haben wir aber kein Land gefunden, dass Operationen oder Behandlungsmethoden vorab durch Zweitmeinungen überprüft.

Doch genau solche Zweitmeinungen vor der Behandlung wären notwendig, um Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem entgegenzuwirken, ist Jan Christoph Loh überzeugt. Der Chirurg hat sowohl im öffentlich-rechtlich organisierten Krankenhaus Charité in Berlin als auch in verschiedenen privaten Kliniken erlebt, dass vor allem der Profit darüber entscheidet, welche Behandlungsmethode gewählt wird.

Im Vivantes bzw. in privaten Trägerkliniken kenne ich es so, dass man dann eben zum Beispiel Chefarzt Treffen mit der Klinikleitung einmal die Woche hat und hier wurden die Ergebnisse der Woche an die Wand geworfen. Es wurde eben nicht nur derjenige gezeigt, der die meisten Fälle und die beste OP-Auslastung hatte sondern auch derjenige, der die Geringste hatte. Das ist natürlich für jeden, der eine Abteilung leitet, ein subtiler Druck, um mehr zu leisten und nicht mehr der Letzte zu sein. Ich sag mal, die Heilungsquote war da nie das Thema.

Doch nicht nur die Gewinnorientierung von Krankenhäusern und Ärzten ist eine der Ursachen für die stark anwachsenden Operationszahlen. Häufig fehlen einfach medizinische Leitlinien, was die besten Behandlungsmethoden für bestimmte Krankheiten wären, glaubt Divya Srivastava.

In Spanien wurden zum Beispiel Leitlinien für Kaiserschnitte eingeführt. Dadurch konnten Ärzte besser entscheiden, wann ein Kaiserschnitt nötig ist und wann nicht. Dadurch ist die Rate der Kaiserschnitte in diesem Teil Spaniens deutlich zurückgegangen. Unnötige Operationen wurden nicht mehr ausgeführt.

Ihr Rat: Auch in Deutschland sollte Ärzten mehr Handlungsorientierung durch medizinische Leitlinien gegeben werden. Ausserdem müssten Möglichkeiten für Patienten geschaffen werden, sich durch Zweitgutachten selbst eine fundierte Meinung zu bilden. Der Chirurg Jan Christoph Loh hat aus seinen Erfahrungen in Krankenhäusern inzwischen die Konsequenzen gezogen und selbst ein online-Portal für medizinische Zweitgutachten gegründet. Patienten können sich dort von unabhängigen Spezialisten beraten lassen, welche Behandlung für Sie die beste wäre.

Es sind erschreckender Weise doch sehr sehr viele Operationen von denen wir abraten. Also im Moment haben wir bei 48 Prozent von den etwas mehr als 400 Patienten, die wir bisher beraten haben, von der angeratenen OP abgeraten bzw. konservative Therapievorschläge gemacht. Und bei knapp 20 Prozent der Fälle haben wir eine andere Operation empfohlen. Das heisst nur bei knapp 32 Prozent haben wir die empfohlene Therapie bestätigt.

Sein online-Portal medexo bietet nur Zweitgutachten bei bereits bestehenden Therapieplänen. Eine Weiterbehandlung durch die Zweitgutachter ist ausgeschlossen, um die Unabhängigkeit von medexo zu gewährleisten und eigene Gewinninteressen der Spezialisten auszuschliessen.

Wie viele Patienten haben sich denn an die Therapie gehalten? Etwas mehr als 86 Prozent. Von diesen Patienten, die sich an die Zweitmeinung gehalten haben, haben sich 88 Prozent verbessert. Und bei denen die sich nicht daran gehalten haben nur 25 Prozent.

Durch Zweitgutachten sei eine bessere Versorgung der Patienten bei niedrigeren Kosten möglich, glaubt Loh. Das haben inzwischen auch viele Krankenkasse erkannt und bezahlen den Service von medexo als Kassenleistung.

Produziert für SWR 2 Impuls.