Der Drache von Anatolien – wie Nebahat Akkoç Frauen zu Unternehmerinnen macht

© Stephan Röhl

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Noch immer sterben viele Frauen in der Türkei durch Gewalt – knapp die Hälfte der Täter sind die eigenen Ehemänner. In der Türkei herrscht ein Klima der Verharmlosung, wenn es um Gewalt an Frauen geht. Die Kurdin Nebahat Akkotsch wehrt sich seit vielen Jahren dagegen. Sie hat Kamer gegründet 1997. Eine Stiftung, die hilft Frauen zur Flucht, die mit Ehrenmord bedroht werden oder bildet sie zu Unternehmerinnen aus. Für ihren Mut, sich in einer von Machos geprägten Kultur zur Wehr zu setzen, erhält Nebahat Akkoç heute in Berlin den renommierten Anne-Klein-Frauenpreis der Heinrich-Böll-Stiftung. Ein Beitrag von Maximilian Grosser.

„Viertel der Ungläubigen“ wird ein Teil von Diyabakirs Altstadt im Südosten der Türkei gennant. Der Name stammt aus der Zeit, als mehrheitlich christliche Armenier das Viertel bewohnten. Heute bevölkern Teppichhändler, Gold- und Silberschmiede die berühmten Innenhöfe des Stadtteils. Hier  ist auch der Ursprungsort der Frauenrechtsorganisation KAMER – gegründet von Nebahat Akkoç

Die alten Stadtmauern liebe ich sehr. Unterhalb der Mauern betreiben wir ein Café in einem der vielen Höfe. Unser Café war 1998 das erste in ganz Diyabakir, das von Frauen geführt wurde. Viele Frauen schauen bei uns vorbei und fühlen sich beschützt bei uns. Inzwischen gibt es viele von Frauen geführte Restaurants. So hat sich das Strassenbild von Diyabakir dank uns verändert.

 

Das Café ist eine wichtige Anlaufstelle der von Nebahat Akkoç 1997 gegründeten Stiftung KAMER. Kamer bedeutet so viel wie Frauenzentrum. In allen 23 Provinzen Anatoliens ist Kamer vertreten und klärt über häusliche Gewalt und Ehrenmorde auf, hilft Frauen, die Opfer von Gewaltverbrechen sind oder mit dem Tod bedroht werden. Nebahat Akkoçs dunkle Augen funkeln, ihr sonst so ernstes Gesicht strahlt freudig, wenn sie von den Erfolgen ihrer kräftezehrenden Arbeit als Frauenrechtlerin erzählt.

In allen Provinzen in denen wir arbeiten, gibt es Beispiele. Ich kann mich an eine Frau erinnern, die sehr jung war, als sie von der Schule genommen wurde, weil sie verheiratet werden sollte. Aber dieses Mädchen hat es gewagt sich zu wehren. Wir haben ihr geholfen, ihre Familie zu verlassen. Sie hat das Abitur gemacht und studiert. Sie hat es geschafft, ihr eigenes Unternehmen zu gründen, auf ihren eigenen Füßen zu stehen. Und sie ist erst 25 Jahre alt.

Dabei hilft KAMER mit Kursen zu Businessplänen und Unternehmensführung. Aber es gibt auch Seminaren und Rollenspiele zu häuslicher Gewalt. Und weil die Frauenorganisation auch für neue Kindergärten sorgt, schaffen es viele Frauen ins Berufsleben, sie gründen sogar ihre eigenen Firmen. Rund 50 sind es allein in Akkoçs Heimatstadt Diyabakir. Ein eigenes Restaurant oder ein eigener Textilbetrieb schützt Frauen vor Ehrenmorden – sagt Nebahat Akkoç,

Frauen, die in der Familie die Todesstrafe ausgesprochen bekamen, kommen zu uns. Wir helfen ihnen, ein neues Leben aufzubauen. Wir bilden sie zu Unternehmerinnen aus. Das führt dazu, dass die verhängte Todesstrafe zurückgenommen wird, weil sie ihr Leben in einer anderen Stadt meistern können. Ein langwieriger Prozess, der sehr anstrengend ist. Aber wenn ich erschöpft bin, dann brauche ich nur an eine dieser Frauen zu denken und schon spüre ich wie die Lebenskraft zurückkommt.

Dank Nebahat Akkoçs unermüdlichem Einsatz gibt es inzwischen auch in der Westtürkei rund 20 Frauenzentren.  Die Arbeit von Kamer ist bitter nötig. Dies zeigt die Statistik. 2014 wurden in der Türkei 281 Frauen von Männern ermordet, die Hälfte der Täter waren die Ehemänner. Nur selten sorgt Gewalt gegen Frauen für öffentlichen Protest wie vor kurzem im Fall von Özgecan Aslan, die von einem Busfahrer brutal ermordet wurde.

Mich hat die die große Entrüstung überrascht und ich habe mich gefragt, ob KAMER schon soviel geleistet hat, dass die Gesellschaft jetzt aufwacht. Aber ich glaube, dass der Protest auch damit zu tun, dass es eine Studentin war, die von Fremden ermordet wurde.

In den meisten anderen Fällen von Gewaltverbrechen gegen Frauen gibt es keinen Protest. Für Nebahat Akkoç Grund genug, den Kampf gegen die Verharmlosung und das Vergessen nicht aufzugeben.

Produziert für Funkhaus Europa Nova.