Belarus: „Wir versteigern uns selbst“ – wie Start-ups Lukaschenkos Allmachtanspruch untergraben

Belarus hat gewählt. Schon vorher stand fest. Es kann keinen anderen Sieger als Präsident Lukaschenko geben. Doch was heißt das für die belarussische Wirtschaft? Da das Land 50 Prozent seines Außenhandels mit Moskau abwickelt, bekommt das Land die Folgen der russischen  Wirtschaftskrise seit langem massiv zu spüren: Die Staatsbetriebe müssen immer öfter Mitarbeiter entlassen. Und die spüren dann auch noch die Folgen der galoppierenden Inflation. Die betrug im letzten Jahr 18 Prozent. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres noch einmal 14 Prozent.Nur an einer Branche in Belarus scheint das alles spurlos vorbeizugehen. Einer Branche, von der viele hierzulande gar nicht wissen, dass es sie im Reich des Alexander Lukaschenko überhaupt gibt – die Branche der Internet Start ups. Das Erstaunliche: Gerade die desolate belarussische Wirtschaft erweist sich für sie als idealer Nährboden. Denn trotz Diktatur ist in Lukaschenkos Machtbereich eine neue, gut ausgebildete Generation herangewachsen, die nun versucht, sich mittels des world wide web von den staatlich gelenkten Wirtschaftsstrukturen unabhängig zu machen. Mirko Schwanitz und Nasta Reznikava berichten.

Minsk Mitte Oktober. Ein kleines Haus unweit vom Zentrum der belarussischen Hauptstadt. Es ist der Sitz von „Hund und Katze“ – genauso heißt der Verein, der sich von hier aus um ausgesetzte Tiere kümmert. Was die kleine Tierschutzorganisation mit der belarussischen Start-up-Szene verbindet, erklärt Direktorin Svetlana Basova.

Von 2013 bis heute haben wir von den Software-Entwicklern des Internet Start-Ups MaeSens umgerechnet dreieinhalbtausend Euro Unterstützung erhalten. Das ist immerhin ein Viertel des Budgets, das wir im Jahr benötigen.

 

MaeSens, das mit den Einnahmen aus einer Kontaktbörse Nichtregierungsorganisationen wie den Tierschutzverein von Svetlana Basova fördert, ist nur eines von zahlreichen Internet start ups in Weißrussland. Die IT-Branche ist so etwas wie eine politikfreie Oase im Reich von Alexander Lukaschenko. Ihr Zentrum ragt, nur zehn Minuten von der Minsker Stadtmitte entfernt, hinter einem riesigen Parkplatz als neues Bürohaus in die Höhe. In einer gestylten Büroetage erklärt Projektmanagerin Veronika Kesova,  das hier ein Großteil der Software für den Skype-Konkurrenten Viber entwickelt wird.

Die Gründer von Viber arbeiteten schon länger mit belarussischen Software-Entwicklern zusammen und waren begeistert von der deren technischer Ausbildung. Für sie war es überhaupt keine Frage, hier eine Filiale zu eröffnen.

Ob Yoga-Trainer oder Kalorienzähler: Ein Drittel aller Fitness-Apps, die in Deutschland unter den Top 50 der populärsten iTunes-Programme zu finden sind, kommen inzwischen aus Belarus. Während immer mehr Belarussen entlassen, ihre

Gehälter bei einer Inflation von 14 Prozent aufgefressen werden, trotzen die Internet-start-ups der Wirtschaftskrise im Land. Wir zahlen dreimal so hohe Gehälter wie in Lukaschenkos Planwirtschaft üblich, sagt Dzianis Kondratovitsch.

Viele schimpfen über die Gesetze in Belarus und behaupten, dass es schwierig ist, hier Geschäfte zu machen. Ich würde sagen, dass wir durchaus gute Bedingungen haben. Ich jedenfalls habe noch kein Land gesehen, in dem nur fünf Prozent Steuern auf den Gewinn abgeführt werden müssen.

Dzianis Kondratovitsch ist der Gründer der Kontaktbörse MaeSens Seine Idee: Leute zusammenbringen u n d  die Zivilgesellschaft fördernInzwischen hat die von Kondratovitsch mitentwickelte Plattform 85000 Nutzer. Die bieten an, mit ihnen ins Kino zu gehen oder einen Kaffee zu trinken. Für solche Treffen bezahlen wieder andere Nutzer der Plattform Geld. Die Einnahmen kommen zum größten Teil Nichtregierungsorganisationen zu Gute. Allein im vergangenen Jahr spendete MaeSens umgerechnet 86 000 Euro an verschiedenste NGOs. Wer es in Firmen wie MaeSens oder Viber geschafft hat, den interessiert die Politik nicht mehr, der hat sich bereits ausgeklinkt aus dem autoritären System. Darüber aber wollen weder Projektmanagerin Kesova von Viber noch Kondratovitsch vor dem Mikrofon sprechen. Lieber spricht Kondratovitsch darüber, dass die Investoren Schlange stehen

Es gibt immer mehr Geld als Ideen. Es gibt immer Unternehmer aus dem Ausland, die Start-ups unterstützen. Der Ort spielt für die doch gar keine Rolle. Also haben sie uns auch hier in Belarus unterstützt. Wenn du eine gute Idee hast, bekommst du sehr leicht eine Finanzierung.

Doch wie lange wird Präsident Lukaschenko noch hinnehmen, dass Start ups, wie das von Dzeniz Kondratovitsch in eine Zivilgesellschaft investieren, die seinem Regime am Ende gefährlich werden könnte? Wie lange wird es noch zusehen, wie eine junge, gutausgebildete Elite seinen Allmachtanspruch untergräbt, in dem es sich ihm einfach entzieht? Auf solche Fragen erntet man in den gestylten Etagen in Minsk eisiges Schweigen.

Produziert für WDR 5 Osteuropamagazin.