Altenpflege als Renditeobjekt?

Kapitalanleger, von Immobilienfinanzierern über Versicherungen bis zu privaten Sparern, haben eine neue Anlagemöglichkeit entdeckt: Pflegeheime. In Werbeanzeigen werden bis zu 6% Zinsen jährlich versprochen. In der derzeitigen Niedrigzinsphase ist das eine deutlich höhere Rendite als etwa mit Büro- oder Wohnimmobilien zu erzielen ist. Betrieben werden solche Pflegeheime dann auch von gemeinnützigen Trägern wie DRK, Caritas oder AWO. Altenpflege als Renditeobjekt? Dass die Zukunft auch anders aussehen kann, zeigt ein Modellvorhaben in der kleinen Gemeinde Wesselburen in Schleswig-Holstein. Dort haben die Bürger eine eigene Sozialgenossenschaft gegründet, um ihre Pflege nicht den Kapitalmaximierern zu überlassen.Jutta Schwengsbier berichtet.

Im Jahr 2030 werden rund eine Million mehr pflegebedürftige Menschen als heute in Deutschland leben. Eine Zunahme um mehr als 50 Prozent. Der stark wachsende Bedarf an eine neue Pflegeinfrastruktur ist schon lange bekannt. Getan wurde trotzdem wenig, gibt Jörn Timm zu.

Die Stadtverordnetenversammlung hat den Bedarf nicht gesehen. Man kann davon ausgehen, dass so 10 bis 15 Jahre wenig bis gar nichts passiert ist. Das ist so ein bisschen verschlafen worden. Das Schicksal teilt Wesselburen mit ganz vielen Kommunen.

 

 

Der Verwaltungsleiter von Wesselburen in Schleswig-Holsetein entschloss sich deshalb zu einem ungewöhnlichen Schritt. Statt einen Großinvestor zu suchen, gründete die Kommune gemeinsam mit ihren Bürgern eine Sozialgenossenschaft. Das Konzept dafür geliefert hat Bernd Nommensen. Der zweite Bürgermeister von Wesselburen ist selbst examinierter Altenpfleger und Gründer eines privaten Pflegewohnhauses.

Jede Kommune, die 1000 Einwohner hat, sollte eine kommunale Genossenschaft gründen, mit den Bürgern zusammen. Mit den späteren Bewohnern zusammen.

Über kleinere Einlagen der Bürger kann die Genossenschaft das notwendige Eigenkapital einsammeln. 20 bis 30 Prozent der Investitionssumme reichen. Den Rest finanzieren dann Banken.

Und wir behalten unsere Senioren, die seit 60-70 Jahren hier bei uns leben, die behalten wir hier auch am Ort. Sie wandern nicht ab und sie haben kleine überschaubare Lebensstrukturen.

Nommensen hat jahrelang Pflegeeinrichtungen des DRK-Wohlfahrtsverbands geleitet. Irgendwann wollte er die Pflege nicht mehr an den Kapitalinteressen, sondern an den Menschen orientieren.

Für einen Wohlfahrtsverband ist es schon relativ schwierig. Weil der Wohlfahrtsverband oftmals ja einen riesigen Wasserkopf bezahlen muss. Eine Pflegeeinrichtung rechnet sich nur, ab 60 bis 80 Bewohnern.  Das ist genau das, was viele sagen. Das ist in soweit vielleicht richtig, wenn man das als Investorenprojekte realisiert. Wo man Investoren Rendite von 6 oder 8 Prozent verspricht.

Wenn nicht 6 sondern nur 3 oder 4 Prozent Kapitalrendite reichen, wenn keine Großorganisationen wie die Wohlfahrtsverbände über Pflegeeinrichtungen mitfinanziert werden müssen, dann sind ganz andere Konzepte möglich, hat sich Bernd Nommensen ausgerechnet. Und er hat sein Konzept bereits erfolgreich umgesetzt. Das von Nommensen gebaute Pflegewohnhaus ermöglicht familienähnliche Strukturen. Der Eingangsbereich geht sofort in einen großen Raum mit offener Küche über. Von hier aus führen sehr kurze Flure zu 24 Einzelzimmern. Ob sich so ein kleines Pflegewohnhaus rechnet?

Es war für meine Frau und mich eine Existenzgründung. Wir können hier wunderbar von dieser Einrichtung leben. Und das rechnet sich.

Das von Wesselburen gemeinsam mit dem Sozialunternehmer Nommensen zusätzlich geplante Bürgerzentrum soll nun als Vorbild für ländliche Kommunen in ganz Deutschland dienen. Das Ziel: Die Finanzierung kleiner Pflegeeinrichtungen durch Sozialgenossenschaften. Damit Altenpflege nicht mehr Renditeobjekt ist, – sondern Menschenrecht.

Produziert für WDR 5 Politikum.