Abba und die Volksmusik – Besuch bei einem schwedischen Reichspielmann

Staffan Berg aus Hårte in Hälsingland ist einer von 300 schwedischen Reichspielmännern. copyright: Mirko Schwanitz

Ob in Korrö oder Delsbo, in Falun oder Ransätter – vom Frühjahr bis zum Herbst ziehen Schwedens beste Volksmusiker von Volksmusikfestival zu Volksmusikfestival.  Hier kann man dann Bockshornbläsern oder Holztrompetern ebenso begegnen, wie Spielern obertöniger Flöten, Maultrommlern,  Holzschuhgeigern oder den sogenannten Schlüsselharfinisten. Und natürlichen jenen, die auf diesen Instrumenten die wahren Meister sind – den Riksspelmen.  Nur etwas mehr als 300 Musiker dürfen zurzeit diesen Titel tragen – es ist die höchste Auszeichnung des Landes für musikalisches Können. Ohne die Tradition dieser sogenannten Riksspelmen – also der „Reichsspielmänner“ ist der Erfolg der schwedischen Pop- und Rockmusik von heute kaum denkbar. Mirko Schwanitz berichtete für den WDR

Sie sind bis heute Schwedens bekannteste Band – die vier Musiker von Abba. Was kaum jemand weiß: Der Ursprung der reinen, hellen Vokallinien bei Titeln wie „Fernando“ und die ebenso harmonischen wie melodischen Brüche, die die Musik von ABBA auszeichnen, haben ihre Wurzeln in der schwedischen Volksmusik. In einem musikalischen Erbe, das bis heute durch die sogenannten schwedischen Reichspielmänner am Leben gehalten wird. Einen dieser Reichsspielmänner treffe ich in Hårte, fast 400 Kilometer nördlich von Stockholm in der nur spärlich besiedelten Provinz Hälsingland. Hier lebt Staffan Berg auf einem abseits gelegenen Bauernhof. Staffan sitzt in der Küche und spielt auf einem liebevoll restaurierten Knopfakkordeon.  Ich frage ihn, was das eigentlich ist: ein Reichsspielmann?

Beitrag hier zum nachhören:

 

„Es ist ein spezielle Tradition Reichspielmann zu sein. Es begann mit dem schwedischen Landschaftsmaler Anders Zorn. Der bemerkte vor über 100 Jahren, dass neue Instrumente die alten zu verdrängen begannen, dass bestimmte Volkslieder nicht mehr gesungen wurden. Kurz, das sie auszusterben begannen. Und er wollte diesen Teil der schwedischen Kultur vor dem Verschwinden retten.“

1910 lud Anders Zorn die seiner Meinung nach 65 besten Volksmusiker Schwedens zum ersten Volksmusikfest des Landes ein. Er begründete damit die noch heutige lebendige Tradition der Skansen, der schwedischen Freilichtmuseen. Sein Vermögen, immerhin sechs Millionen schwedische Kronen, steckte er in eine Stiftung. Seit 1933 verleiht die sogenannte Zorn-Jury jedes Jahr Schwedens besten Volksmusikern den Titel des Reichspielmanns. Die Prüfungen dazu sind hart und nur wenige werden zu ihnen eingeladen, sagt Staffan Berg.

„Du solltest ein Instrument spielen, dass traditionell in der Volksmusik verwendet wird und nachweisen, dass du die Tradition an die junge Generation weitergibst. Denn ganz in zornschem Sinn sollen die Reichsspielmänner das lebendige Museum der schwedischen Volksmusik sein. In Frage kamen da zunächst nur wenige Instrumente: die Violine und die 16saitige Schlüsseharfe etwa. Später kamen Flöten, Kuh- und Ziegenhörner hinzu, die man wie Trompeten spielen konnte. In den letzten 20 Jahren wird auch die diatonische Harmonika akzeptiert.“

copyright: Mirko Schwanitz

Staffan Berg ist einer von gerade einmal 300 Musikern, die in Schweden den Titel des Reichsspielmanns tragen dürfen. Zusammen trifft man die Rikspelmen, wie sie in Schweden genannt werden, und zu denen selbstverständlich auch Frauen gehören, bei den zahlreichen Rikspelstämman. Vom Frühjahr bis zum Herbst finden solche Volksmusikfeste  im ganzen Land statt. Dann finden sich, wie etwa in Delsbo, Schwedens beste Volksmusiker oft mit Laienmusikern auf dicht umlagerten spontanen Volksmusiksessions zusammen. Reichsspielmänner wie Staffan Berg  sind  gewissermaßen die Hüter des musikalisch-kulturellen Erbes des Landes. Oft sind sie es, die junge Musiker dazu animieren alte musikalische Traditionen neu zu entdecken. Auf diesem lebendigen Reichtum der Volksmusik, da ist Staffan überzeugt, ist auch das Fundament für den Erfolg des schwedischen Pop- und Rock. Kein anderes Land exportiert so erfolgreich Musik wie die Schweden.

„In der Musik von ABBA ist viel schwedische Volksmusik enthalten.  Aber es gibt noch viele andere Beispiele von Menschen, die als Volksmusiker angefangen haben und dann zu weltweit erfolgreichen Musikern wurden. Einer der weltweit bekanntesten ist Benny Anderson“

 Tatsächlich hat der kreative Kopf von ABBA und berühmte Musical-Komponist, Benny Anderson, seine Karriere als Volkmusiker begonnen.

„Ich bekam mein erstes Akkordeon von meinem Vater oder Großvater. Da war ich sechs Jahre alt. Sie erlaubten mir darauf zu spielen und ich glaube sie dachten, ich hätte Talent dafür.“

 Noch heute ergreift Benny Anderson jede Gelegenheit um mit seiner Lieblingsband, den Orsa-Spelmans zu musizieren wie hier in Stockholm.

„Du hast keine Ansprüche, wenn du mit den Spielleuten zusammen bist. Ich bringe mein Akkordeon und sie die Geigen – und das ist es. Kein Licht, kein Soundcheck, nichts, du steigst direkt in die Musik ein. Du kannst überall spielen. Und das macht es einfach und es einfach nur schön.“

 Wer nur genau hinhört, der hört hier im Spiel der Spielmänner auch jene Klänge, die Abbas Song „Fernando“ weltberühmt machten….

produziert für Kultur am Mittag, Westdeutscher Rundfunk, 27.02.2017