Rezension: Thomas Geiger (Hrg.)Eine literarische Reise durch Europa

Thomas Geiger Luftspruenge

Mit Anthologien ist es so eine Sache – sie scheinen aus der Mode gekommen, fristen in manchem Bücherregal und mancher Buchhandlung ein trauriges Dasein. Und so gehört für manchen Verlag schon ein gewisser Mut dazu, die Idee der Anthologie neu zu beleben. dtv hat das getan. Der Leiter des Literarischen Coloquiums Berlin hat in dem Band „Luftsprünge – eine „literarische Reise durch Europa“ unternommen – zum großen Teil allerdings mit Texten, die nicht neu sind. Weiterlesen

Vietnam: Kontrollierte Literatur

Vietnamesische Autoren und die Abkehr vom Kommunismus

Lange vor den Umbrüchen in Osteuropa begannen die vietnamesischen Kommunisten ihr Land langsam zu öffnen.  „Doi Moi“ – Politik der Erneuerung nannten sie ihren Kurs, mit dem sie ihr Land  modernisieren wollten. Tatsächlich bewahrten sie es so vor dem Zusammenbruch, der die meisten Staaten des damaligen sozialistischen Lagers schon bald ereilen sollte. Heute zählt Vietnam heute zu den „Tigerstaaten“ Asiens.Und doch gibt es bis heute keine Meinungsfreiheit, hält die allmächtige Partei den Kulturbetrieb noch immer unter strikter Kontrolle. Weiterlesen

Israel: Dror Moreh – The Gatekeepers

Dror Moreh © cinephilDem israelischen Dokumentarfilm-Regisseur Dror Moreh ist gelungen, was noch keinem Journalisten oder Filmemacher bisher gelungen ist. Er hat alle sechs noch lebenden Chefs des Inlandsgeheimdienstes „Shin Bet“ dazu bewegen können, ihm lange Interviews zu geben. Aus dem Material entstand zunächst der Film „The Gatekeepers“, der in diesem Jahr für den Oscar nominiert war und nach seiner Ausstrahlung in Israel wie auch in den USA zu einem politischen Beben führte. In Israel bescherte die Ausstrahlung des Films Premiers Netanjahus regierenden Likudblock einen bei den letzten Wahlen einen Verlust von sechs Sitzen in der Knesseth, dem israelischen Parlament. Und das obwohl Moreh im Film lediglich drei Prozent des Interview-Materials verwendet hat. Weiterlesen

Politik kotzt mich an – zu Besuch bei Daniil Granin

Er gilt als der letzte große Schriftsteller der Kriegsgeneration: Der russische Autor Daniil Granin. Über 14 Romane hat er geschrieben. Weltweit bekannt wurde er mit seinen Leningrader „Blockadetagebüchern“. Eigentlich wollte er nicht mehr über den Krieg schreiben. Doch das Auseinanderdriften der Welt veranlasste ihn, seine Meinung zu ändern. „Ich habe lange mit mir gerungen“, sagte der heute 96jährige im vergangenen Jahr in seiner bewegenden Rede vor dem deutschen Bundestag. „Aber am Ende habe ich mich entschieden, erstmals über m e i n e n Krieg, m e i n e Schützengrabenwahrheit zu schreiben.“ Weiterlesen

Rezension: Dasa Drndic „Sonnenschein“

Schriftstellerin Dasa Drndic

Dasa Drndic, 1946 geboren, gilt in ihrer Heimat Kroatien als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Hierzulande ist sie noch völlig unbekannt. Mit ihrem bereits in 12 Sprachen und nun auch ins Deutsche übersetzten Roman „Sonnenschein“ könnte sich das jetzt ändern. Drndic, stammt aus Istrien. Einem Landstrich in dem es für viele Menschen normal ist, mehrsprachig zu sein, italienisch, slowenisch und kroatisch zu sprechen. Und so lässt die Autorin ihre Geschichte denn auch in Gorizia spielen, einer gemischtsprachigen Stadt, gelegen am der italienisch-slowenischen Grenze nahe Triest. Es ist ein Roman über die seit Suche einer Mutter nach ihrem Sohn. Weiterlesen

Tschetschenien: Die Tagebücher der Polina Scherebzowa

Cover Polinas TagebuchZum 70. Mal jährt sich in diesem Jahr das Ende des Zweiten Weltkrieges. Eines der bewegenden Zeugnisse dieser Zeit ist das weltweit bekannte Tagebuch der Anne Frank. Jetzt ist aus einem weit weniger lang zurückliegenden Krieg ein ähnliches Tagebuch erschienen. Aus einem Krieg, den viele von uns schon vergessen haben. Das Tagebuch der Polina Scherebzowa aus dem vor genau sechs Jahren zu Ende gegangenen Tschetschenien-Krieg, hat das Zeug, die Welt ebenso zu erschüttern, wie die Aufzeichnungen von Anne Frank. Weiterlesen

Israels Autoren und ihr Blick auf ihr Land

 

Gastland auf der Leipziger Buchmesse ist in diesem Jahr Israel. Ein Auftritt mit Brisanz, denn überall in Europa spürt man ein Wiederaufleben des Antisemitismus – insbesondere in Frankreich.  Und das nicht erst seit dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ oder den Überfall auf einen jüdischen Supermarkt. Doch ist Israel für die Juden wirklich noch ein sicheres Land? Immer mehr Israelis zweifeln selbst daran. Zunehmend geht ein politischer Riss durch die Gesellschaft. Auf der einen Seite gewinnen religiöse Gruppen immer mehr Einfluss auf die Politik Israels. Während diese, die Einheit des Staates von innen zu zersetzen scheinen, muss Israel sich weiterhin unablässiger Angriffen von Hamas und Hisbollah erwehren. Weiterlesen

Rezension Szilard Borbely: „Die Mittellosen“

Szilard Borbely Die Mittellosen„Die Mittellosen“ heißt der unlängst bei Suhrkamp erschienene Roman des hierzulande noch völlig unbekannten Autors Szilard Borbely.  Es handelt vom Leben in einem Dorf, in dem die meisten Dorfbewohner arm, im wahrsten Sinn des Wortes „mittellos“ sind. In seiner Heimat Ungarn zählt man Borbely zu den großen zeitgenössischen Lyrikern, dekoriert mit allen wichtigen Literaturpreisen, die das Land zu vergeben hat. Fast ein Dutzend Gedichtbände hat er dort veröffentlicht, in vielen beschäftigte sich der bis vor kurzem in Debrecen lehrende Dozent für ältere ungarische Literatur mit existenziellen Fragen, mit dem Umgang mit der Erinnerung etwa, aber auch mit Themen wie Tod oder Angst. Weiterlesen

Lizzie Doron und ihr Buch „Who the fuck is Kafka“

Doron Who the fuck is Kafka?Vor wenigen Tagen erschien der neue Roman der israelischen Autorin Lizzie Doron. Lizzie Doron begann erst spät, nämlich im Alter von 40 Jahren mit dem Schreiben. Alle Bücher, die sie bisher schrieb wurden in ihrer Heimat Israel Bestseller und sind inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt. Als sie einmal gefragt wurde, wie viele Bücher sie schreiben wolle, antwortete sie:  Sechs – für jede Million ermordeter Juden eines. Nun ist dieser sechste Roman erschienen. Und zum ersten Mal erscheint ein Roman von Lizzie Doron nicht zuerst in Israel, sondern in deutscher Übersetzung. Nachdem Lizzie Doron in ihren früheren Romanen die Traumata der Kinder von Holocaustopfern beschrieb und wie diese Traumata die israelische Gesellschaft bis heute prägen, geht es in „Who the fuck is Kafka?“ nun um den israelisch-palästinensischen Konflikt selbst. Mirko Schwanitz hat das Buch gelesen und die Autorin in ihrer Heimatstadt  Tel Aviv getroffen. Weiterlesen

Montenegro: Poetiker der Apokalypse

Der montenegrinische Autor Nikolaidis und die Pressefreiheit

Andrej Nikolaidis

Die Journalisten in Montenegro reiben sich zurzeit verdutzt die Augen angesichts der ungeheuren Solidaritätswelle, mit der sich die französische Öffentlichkeit schützend vor die Pressefreiheit stellt. Die Beileidsadresse, die Montenegros Premier Milo Djukanovic den Franzosen schickte empfinden sie wie eine Verhöhnung der Opfer. Denn in seinem eigenen Land bezeichnet er Journalisten schon mal als Agenten oder Medienmafia. In Djukanovics kleinen Adriastaat gehören Morde, Prügelattacken, Brandanschläge gegen Redaktionsgebäude zum Lebensalltag von Journalisten – ohne dass dies bisher in Europa auf ähnlich große Empörung gestoßen wäre, wie jetzt die Morde in Frankreich. Weiterlesen