Touristenfrühstück – der neue Roman des georgischen Autors Zaza Burchuladze

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Die Medien Georgiens hofierten ihn lange als enfant terrible der Kulturszene und führenden Intellektuellen – obwohl er in seinen sieben Romanen und Erzählungen kaum ein gutes Haar an den Zuständen in seiner Heimat lässt. Doch dann schrieb er in seinem Erzählband „Löslicher Kafka“ gegen die Machtgelüste der Orthodoxen Kirche an. In der Folge wurden Bücher von ihm öffentlich verbrannt. Der damalige Präsident, Saakaschwili, äußerte im Parlament, dass das Land einen solchen Autor nicht brauche. Burchuladze krankenhausreif geschlagen. Er und seine Frau retten sich nach Deutschland. Hier erschien 2014 Zaza Burchuladzes vielbeachteter Roman „adibas“, eine beißende Satire auf eine durch und durch gefälschte Gesellschaft. Nun hat Zaza Burchuladze einen neuen Roman geschrieben. Eine Rezension von Mirko Schwanitz  Weiterlesen

Alissa Ganijewas neues Buch – „Eine Liebe im Kaukasus“

Alissa Ganjeva © Greg Bahl

Schon mit ihrem ersten Roman „Die russische Mauer“ sorgte sie für Furore. Darin ging es um fiktive Gedankenspiele, wie sich Russland der Gefahr erwehren könnte, die dem Riesenreich von der zunehmenden Islamisierung des Kaukasus droht. Ganijewa ist eine genaue und präzise Beobachterin politischer und gesellschaftlicher Prozesse – in Russland ebenso wie in ihrer kaukasischen Heimat. Heute gehört sie zu den wenigen russischen Autorinnen und Autoren, die noch wagen sich auch öffentlich kritisch zu den politischen Vorgängen in ihrem Land zu äußern. Weiterlesen

Trost des Nachthimmels – Dzevad Karahasan erzählt vom Sterben einer toleranten Epoche

Lange haben seine Leser auf ein neues Buch des bedeutenden bosnischen Erzählers Dzevad Karahasan warten müssen. Mit seinem Roman „Der Trost des Nachthimmels“ hat Karahasan ein neues Meisterwerk über Blüte und Zerfall eines islamischen Reiches vor. Doch ist dies mitnichten nur ein weiterer historischer Roman. Karahasan wäre nicht Karahasan, lieferte er damit nicht zugleich eine Allegorie auf die Gegenwart. Sein Roman zeigt, wie religiöser Fundamentalismus eine blühende, von Vielfalt und Toleranz geprägte Epoche zerstörte. Eine Rezension von Mirko Schwanitz.

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György Dragoman und die Bedeutung der Mythen in Osteuropa

György Dragoman Der ScheiterhaufenBereits mit seinem ersten Roman „Der weiße König“ erregte der ungarische Autor György Dragoman Aufmerksamkeit. In ihm berichtete er über einen kleinen Jungen, der versucht, in der bizarren Welt des rumänischen Diktators Ceausescu zu überleben. Auch in seinem neuen, soeben erschienenen Roman „Der Scheiterhaufen“ beschäftigt sich Dragoman mit dem Ende der Diktatur in Rumänien. Und doch geht es dem Autor, der mit seinen Eltern 1988 im Alter von 15 Jahren Rumänien verließ und seitdem in Ungarn lebt, nicht vordergründig um Rumänien. Sein Roman beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie wir alle Geschichte schreiben und was uns dabei beeinflusst. Entstanden ist dabei eine unter die Haut gehende Geschichte und ein magischer Moment der osteuropäischen Literatur. Mirko Schwanitz, hat den Autor György Dragoman getroffen. Weiterlesen

Georgi Gospodinov: Geschichten erzählen in Zeiten der Krise

Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov ist einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes. Immer wieder nimmt er nicht nur in Bulgarien Stellung zu aktuellen politischen Ereignissen. Gospodinov gehört auch zu jenen Schriftstellern, die vehement die These vertreten, dass Literatur gerade in jenen Zeiten eine wichtige Funktion habe, in der die Stimmen der Vernunft kaum zu hören sind. Und so irritiert ihn angesichts der aktuellen Ereignisse, wie viele Schriftsteller in Europa angesichts des Umgangs mit den syrischen Flüchtlingen noch schweigen würden. Weiterlesen

Georgien: „adibas“ – der neue Roman des georgischen Autors Zaza Burchuladze

Zaza Burchuladze

Kein Buch der letzten Jahre, hätte ihn mit solcher Begeisterung erfüllt, schreibt  der bekannte ukrainische Autor Jury Andruchowytsch in seinem Vorwort zu „adibas“ – einem Roman des georgischen Schriftstellers Autors Zaza Burchuladze. Andruchowytschs russischer Kollege Vladimir Sorokin bezeichnete das Buch als eine hochkomische und zugleich tieftraurige Geschichte, die ihn sehr bewegt habe. Zaza Burchuladze hat in Tiflis Malerei studiert bevor er sich dem Schreiben widmete. Mit seinen bissigen, ja geradezu wütenden Gesellschaftsporträts und seinen provokativen Auftritten bei Lesungen und in Fernsehshows hat er sich in seiner Heimat Georgien viele Feinde gemacht. Weiterlesen

Belarus: Literaturnobelpreise Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 kurz nach dem zweiten Weltkrieg im ukrainischen Iwano-Frankiwsk geboren. Zunächst arbeitete sie als Reporterin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Dann entwickelt Alexijewitsch ausgehend von zahlreichen Interviews schließlich eine eigene literarischen Gattung: den halbdokumentarischen Roman. Ob Tschernobyl, der Afghanistan-Krieg und der Zusammenbruch der Sowjetunion: Die bei ihren Reportagen eingefangenen Stimmen verdichtet die Schriftstellerin in fiktionalen Geschichten zu einem Sittengemälde ihrer Zeit. Nun erhält die Weißrussin den Literaturnobelpreis. Jutta Schwengsbier stellt Swetlana Alexijewitsch und ihr Werk vor. Weiterlesen

„Der erste Horizont meines Lebens“ – die Welt der moldauischen Autorin Liliana Corobca

Liliana Corobca Der erste Horizont meines LebensKinder in einer Welt ohne Eltern?  Nein, das ist nicht der Stoff für einen utopischen Roman oder für ein Buch über neue Formen der Reproduktionsmedizin. Es gibt diese Welt. Eine Welt, die für tausende Kinder  nicht utopisch, sondern Alltag ist Laut UNICEF wachsen 117 000 Kinder in der Republik Moldau ohne Mutter und Vater auf. In  Rumänien sind es 350 000. In der Ukraine 1,2 Millionen. Die meisten Eltern sind gezwungen, ihr Geld im Ausland zu verdienen. Ab und zu ist über diese Kinder berichtet worden.  Dann haben wir sie wieder aus dem Blick verloren.  Zuviel Elend. Zu viele Krisen. Und große Fernsehbilder geben diese Kinder auch nicht her. Es sind die Kinder von Eltern,  die gezwungen sind,  ihr Geld im Ausland zu verdienen – die als  Erntehelfer bei unseren Bauern, als Pflegerinnen in unseren Pflegheimen, als Bauarbeiter auf unseren Baustellen arbeiten. Weiterlesen

Mesopotamien – der neue Roman von Serhij Zhadan

„Anarchy in the U.K.R“, “Depeche Mode”, Hymne an die demokratische Jugend”, „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ – die Romane des ukrainischen Autors Serhij Zhadan sind in seiner Heimat allesamt Kult. Ebenso wie seine Auftritte mit der Band „Sobaki v Kosmosje“ – was so viel heißt wie „Hunde im Weltall.“ Serhij Zhadan „ist mehr als ein Autor. Er ist ein Unikum, beliebt im ganzen Land. Er tritt in der Westukraine ebenso auf wie im Donbass. Und wo er hinkommt, hören die Menschen ihm zu. Als er mit seinen neuesten Roman „Mesopotamien“ beendet hatte, war an den Maidan nicht zu denken. Als er mit ihm auf Lesereise ging floss in Kiev schon das Blut. Meine Bücher, sagt er sind unpolitisch, aber irgendwie haben sie das Pech, ständig von der Politik eingeholt zu werden. Nun (08.08.2015) ist „Mesopotamien“ auch in deutscher Übersetzung erschienen. Mirko Schwanitz hat das Buch gelesen und sich mit Serhij Zhadan getroffen. Weiterlesen

Rezension: Vladimir Kecmanovic „Sibirien“

 Vladimir Kecmanovic „Sibirien“In wirren Kriegszeiten, wenn Staaten ihren Rechts- und Machtanspruch nicht mehr durchzusetzen vermögen, so heißt es im Nachwort zu dem Roman, den wir Ihnen im Folgenden vorstellen wollen, blüht die Kriminalität. Genau das geschah in neunziger Jahren in Jugoslawien. Inzwischen existiert dieses Land nicht mehr. Angesichts der schwer zu durchschauenden Probleme, fristen die kleinen Nachfolgestaaten Jugoslawiens ein Dasein im Schatten des öffentlichen Interesses. Was einst Jugoslawien war, wird heute politisch korrekt unter dem Begriff  „Westlicher Balkan“ zusammengefasst. Der alte Name also ist verschwunden, die Kriminalität aber, die  ist geblieben. Aus den spontane Schiebereien, Plünderungen und Schwarzmarktgeschäften im Gefolge der Kriege und Wirtschaftssanktionen, hat sich eine nur schwer in den Griff zu bekommende organisierte Kriminalität entwickelt. Vor diesem Hintergrund spielt der Roman „Sibirien“ des 1972 geborenen serbischen Autors Vladimir Kecmanovic, dessen deutsche Übersetzung Matthes und Seitz soeben vorgelegt hat. Mirko Schwanitz hat ihn gelesen. Weiterlesen