Hohe Operationszahlen – Fehlentwicklung im Gesundheitssystem

Dr. Med Jan-Christoph Loh

Dr. Med Jan-Christoph Loh

 

In Deutschland wird sehr viel häufiger zum Skalpell gegriffen als in anderen europäischen Staaten. Das ist eines der Ergebnisse von zwei Studien zu vergleichenden Operationszahlen, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) für acht europäische Staaten und die Bertelsmann-Stiftung ergänzend zu Deutschland jüngst vorgestellt haben. Medizinische Gründe, warum in Deutschland so viel öfter operiert wird als anderswo, gibt es nicht. Gesünder werden die Patienten durch hohe Operationszahlen auch nicht. Warum also wird so oft operiert? Und wie könnten Operationen wieder zu dem werden, was sie sein sollten: Medizinisch notwendige Eingriffe zur Förderung der Patientengesundheit? Weiterlesen

Riga: Kulturhauptstadt und Nazikollaboration

Wie die lettische Hauptstadt ihr geschichtliches Erbe aufarbeitet

Riga ist in diesem Jahr neben Umea in Schweden die Europäische Kulturhauptstadt. „Force Majeure“ lautet das Motto des Jahres, zu Deutsch: höhere Gewalt. 200 Veranstaltungen soll es geben, darunter Konzerte, Opern- und Singfestivals oder zeitgenössische Kunstausstellungen. Doch auch die Vergangenheit spielt im Kulturhauptstadtjahr eine Rolle – und zwar nicht nur im Rahmen einer großangelegten Ausstellung über den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs. Das Kulturhauptstadtjahr will zur geschichtlichen Auseinandersetzung auch über die dunklen Flecken der lettischen Geschichte anregen, hat Markus Nowak herausgefunden. Weiterlesen

Die Bibliothek des Maidan

Was bleibt vom Kiever Maidan ist eine der häufigsten Fragen, die man dieser Tage auf Podiumsdiskussionen hören kann, auf denen Politiker und Experten im politischen Kaffeesatz lesen. Allmählich, wenn auch sehr langsam verschwinden die noch sichtbaren Zeugnisse des Aufstandes aus dem Kiewer Stadtbild. Es ist nur eine Frage der Zeit, dann wird der Maidan nur noch eine Erinnerung sein. Doch was auch immer passiert – eine der außergewöhnlichsten Institutionen, die dieser Maidan hervorgebracht hat, wird wohl noch da sein, wenn die letzte Barrikade fortgeräumt, das letzte Zelt abgebaut ist. Denn als in Kiev auf den Barrikaden gekämpft wurde brachten die Menschen den Kämpfern nicht nur Tee, Wurst und Butterbrote, sondern immer wieder auch Bücher – und so entstand die vielleicht außergewöhnlichste Bibliothek Europas. Mirko Schwanitz und Ivan Gayvanovich berichten. Weiterlesen

Kämpferin gegen Feminzide in Mexiko

 Imelda Marrufo und ihr Kampf um Frauenrechte in der „Stadt der toten Frauen“

Imelda Marrufo Nava

Juristn und Fraurenrechtlerin Imelda Marrufo Nava (c)boell.de/stephan-roehl.de

Im Ranking der gefährlichsten Städte der Welt belegt die nordmexikanische Stadt Ciudad Juarez seit Jahren immer einen der vorderen Plätze. Verantwortlich dafür sind die seit Jahren andauernden Kämpfe von Drogenkartellen untereinander – allein 2000 Tote forderten sie 2010. Nur vier Prozent der Verbrechen werden hier je aufgeklärt. Opfer dieses permanenten Klimas von Gewalt und Straflosigkeit sind immer wieder auch Frauen, die auf brutale Weise ermordet werden. Inzwischen ist die als Feminizid bekannte Mordserie weltbekannt: der Schriftsteller Roberto Bolano hat sie etwa in seinem Roman „2666“ beschrieben, der Film „Im Paradies der Mörder“ hat einen tiefen Einblick in den mühevollen Kampf um die Rechte von Frauen gegeben.

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Zu Besuch bei den Eisenbiegern

Ein Nachmittag im Freiluftfitnesszentrum von Kiew

Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, ist ein Perle – das wissen alle, die schon einmal dort gewesen sind. Die Lage der Stadt am drittgrößten Strom Europas dem Dnipro, das berühmte Kiewer Höhlenkloster, der Altstadt-Hügel und nicht zuletzt der Maidan, auf dem einst die „Orangene Revolution“ ihren Anfang nahm machen das Flair dieser Stadt aus. Die wenigsten Besucher aber werden auf den Gedanken kommen jenen Platz zu besuchen, der von Ferne und auf den ersten Blick eher wie eine Strafkolonie aussieht, in der sich gebräunte und nicht selten tätowierte furchteinflößende Gestalten tummeln. Dabei liegt dieser Stadt mitten in der Stadt. Mirko Schwanitz und Ivan Gayvanovych wollten wissen, was es mit diesem Platz auf sich hat und fanden sich plötzlich inmitten von Männern, die die Kiewer die „Eisenbieger“ nennen. Weiterlesen

Low-Tech statt High-Tech

Wie einfache Technologien in Afrika Leben retten 

Babywaermer Training

Noch vor kurzem starben im Mulago-Krankenhaus der ugandischen Hauptstadt Kampala zahlreiche Frühchen. Und das, obwohl die Klinik nationales Referenzzentrum für Schwangere ist. Der Grund: Fast alle Inkubatoren des Krankenhauses sind defekt und es gibt in Uganda keinen einzigen Medizintechniker, der in der Lage wäre, die Geräte zu reparieren.  Ein in den USA extra für Afrika entwickeltes Innovationsprojekt bietet nun eine einfache Lösung.  Low-Tech ersetzt die Hochtechnologie, die hier niemand bedienen oder reparieren kann. Eine Reportage von Jutta Schwengsbier. Weiterlesen

Lettlands Bio-Boom

Regenwurmzucht als Geschäftsmodell

Regenwurmzucht

Janis Sprukts und Irena Tereskovica

In Lettland sprießen derzeit zahlreiche neue Startups aus dem Boden. Eigentlich müsste man besser sagen, sie sprießen nicht aus dem Boden, sondern sie produzieren Boden, noch genauer gesagt Bio-Humus. Grundlage der Innovation ist der sogenannte rote kalifornische Regenwurm, eine Kreuzung erschiedener Regenwurmarten, die vor rund 50 Jahren in USA gezüchtet wurde. Seit einigen Jahren ist dieser Regenwurm in Lettland zu einem regelrechten Wirtschaftsfaktor geworden. Denn dieser Regenwurm kann sich rasend schnell vermehren und frisst zudem außergewöhnlich viel. Das bedeutet, diese Gattung produziert auch besonders viel Bio-Humus.  Weiterlesen

Lost Generation in Moldova

Wie Migrantenströme nach Westeuropa Kinder vereinsamen lassen

Heftig wird derzeit über die für 2014 geplante Freizügigkeit von Arbeitnehmern aus Bulgarien und Rumänien diskutiert. Populistische Stimmen werden laut, man sollte den Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt noch länger beschränken – doch ist das Problem klein, gemessen an dem, was sich noch weiter östlich von diesen beiden Ländern zusammenbraut. Millionen von Osteuropäern arbeiten schon seit Jahren illegal in den Ländern der EU. Menschen, die weder stehlen noch kriminell werden, die einfach nur arbeiten, unsichtbar als schlechtbezahlte Pflege- oder Reinigungskräfte oder Erdbeerpflücker… Sie waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um ihre Familien zu ernähren. Der Zusammenbruch des Sozialismus, die Korruption und der Dilletantismus der politischen Eliten in einigen Ländern Osteuropas und die Gleichgültigkeit des Westens angesichts der sozialen Probleme, ließ ihnen keine andere Wahl. Das wirkliche Problem aber sind nicht sie. Das wirkliche Problem sind ihre Kinder, die in den Heimatländern seit Jahren eltern- und orientierungslos aufwachsen. Mirko Schwanitz und Simion Ciochina berichten. Weiterlesen

FEMEN: Protest als Oben-Ohne-Happening

Über die Pop-Ikonen der ukrainischen Frauenbewegung

FEMEN ist eine der engagiertesten Frauenrechts-Organisationen in der Ukraine. Weltweit bekannt wurde sie vor allem durch die Hauptmethoden ihres Protestes – der Oben-Ohne-Demonstration. Die Aktivistinnen selbst bezeichnen ihre Protest-Aktionen als Test für die Demokratie. In der Ukraine laufen derzeit 15 Strafverfahren. Wie der russischen Frauenband Pussy Riot, die wegen ihrer skandalträchtigen Aktionen bereits in Untersuchungshaft sitzen, drohen auch den ukrainischen Frauenrechtlerinnen bei einer Verurteilung mehrjährige Haftstrafen. Weiterlesen

Kinder als Streitschlichter

In Lettland sollen Kinder Konflikte entschärfen und Minderheiten integrieren

Wie kann man einander fremde Gruppen innerhalb einer Gesellschaft integrieren? Wie könnte aus Feindschaft Freundschaft werden? Wie kann es gelingen, dass Israelis und Palästinenser gegenseitige Vorurteile abbauen? Oder Deutsche und Türken sich weiter näher kommen? Wie könnten Nordiren und Iren in Belfast ihre Konflikte lösen? Oder bosnische Muslime und orthodoxe Serben in Sarajevo? Das kleine Lettland macht vor, wie es vielleicht gehen könnte. Seit die Mehrheit der Letten im vergangenen Jahr die Einführung des Russischen als zweite Amtssprache ablehnte, verhärten sich auch hier die Fronten zwischen Mehrheitsbevölkerung und russischer Minderheit. Die Russen igeln sich in ihren Stadtvierteln ein. Wer nicht will, muss hier nicht Lettisch sprechen – Amtssprache hin oder her. Doch für die junge Generation werden die gegenseitigen Vorurteile allmählich zum Problem und für Lettlands Zukunft selbst bergen sie enormen sozialen Sprengstoff. Nun will die Regierung die verhärteten Fronten mit einem Programm aufbrechen, dass auf die verbindende Kraft von Kindern setzt. Mirko Schwanitz und Tom Ancitis berichten. Weiterlesen