Polen: Resozialisierung radikal

Straftäter in Polen studieren Sozialarbeit

Haftanstalt Lublin

Haftanstalt Lublin

Es ist ein europaweit einmaliges Projekt – polnische Straftäter, unter ihnen Schwerverbrecher, studieren an der katholischen Universität im ostpolnischen Lublin. Nicht Elektrotechnik. Nicht Maschinenbau. Sondern: Sozialarbeit! Und verblüffend: Das Kalkül der Projekt-Initiatorin, einer Psychologieprofessorin, scheint vorerst aufzugehen – einige der Straftäter gehören zu den engagiertesten Studenten. Fünf von ihnen haben wegen überdurchschnittlicher Leistungen gar ein Stipendium erhalten. Sollte die Initiative Erfolg haben, könnte sie auch außerhalb Polens Schule machen. In Deutschland etwa können Häftlinge bislang zwar etwa ein Fernstudium absolvieren mit ausnahmsweisen Besuchen von Wochenend-Seminaren. Etwa 200 Häftlinge nehmen solche Angebote größtenteils an der Fernuni Hagen wahr. Doch ein reguläres Studium an einer Universität inclusive täglicher Seminare an der Hochschule gibt es für deutsche Straftäter nicht, schon gar nicht in Sozialarbeit. Das aber ist Kernelement des Lubliner Projektes.

Der feste Glauben der Projektinitiatoren in Polen: Die Straftäter, die mit einem Hochschulabschluss aus dem Gefängnis kommen, können ihre einst negative Energie nun positiv nutzen – und die Schuld, die sie auf sich geladen haben, in der Sozialarbeit ein Stück weit wiedergutmachen….Ein Beitrag von Jan Opielka.

Katholische Universität Lublin. Es ist Vormittag. Im 11. Stock der theologischen Fakultät herrscht Hochbetrieb. Hier trifft man auch auf eine ganz besondere Klientel der Universität. Studenten, die eigentlich Straftäter sind und mittels Studium resozialisiert werden sollen. Zu ihnen gehört auch Piotr Roszkowski. Er ist 36 und sitzt seit drei Jahren im Gefängnis. Während der Haft studiert er Sozialarbeit. Die ersten beiden Semester in der Strafanstalt, das dritte nun im Freigang.

Das erste Studienjahr war schwierig, aber zugleich motivierend. Denn wir wollten all jenen, die in Freiheit sind, zeigen, dass wir auch als Häftlinge studieren können. Und dabei nicht schlecht oder nur durchschnittlich sind, sondern die Besten sein wollen. Seitdem ich an der Uni lerne, vergeht die Zeit für mich einfach schneller. Vor allem aber sehe ich, dass ich mich entwickle.

 

Für welche Tat er im Gefängnis sitzt, will der Mann mit den weichen Gesichtszügen nicht sagen. Und Iwona Niewiadomska, Initiatorin des Projektes, will es auch gar nicht wissen. Ihr ist nur wichtig, dass endlich etwas geschieht. Denn in Polen nimmt die Zahl der Wiederholungtäter erschreckend zu. Einen der Gründe sieht die Psychologieprofessorin im stark repressiven Strafvollzugsystem. Ihr Projekt soll helfen, dringend notwendige Reformen anzustoßen. Es setzt darauf, dass Straftäter, die an ihrer Fakultät studieren, aus der Vergangenheit lernen – zum Nutzen aller.

Die Erfahrungen der verurteilten Studenten bereichern unsere Lehrveranstaltungen. Mehr noch, oft zeigen sie bei Forschungsprojekten anderen Studenten innovative Lösungen auf. Was die Straftäter selbst betrifft, so müssen sie exakt die gleichen Anforderungen erfüllen wie alle anderen Studenten. In meinen Augen wäre es schon ein großer Erfolg, wenn die Hälfte der in das Projekt aufgenommenen 36 Straftäter im Jahr 2016 hier einen Abschluss schafft.  

Straftäter und Studenten im Seminar

Straftäter und Studenten im Seminar

Das Besondere: Die Straftäter studieren nicht Elektrotechnik oder Maschinenbau, sondern ausschließlich das Fach „Sozialarbeit“.

Das Gefängnis, in das Piotr Roszkowski nach jedem Studientag zurückkehren muss, liegt am Rand Lublins. An die beigefarbene Gefängnismauer hat jemand fliegende Pinguine gemalt, „Freiheit“, so steht über dem Bild „ist ein Zustand des Geistes“.

Hinter der Mauer, im Inneren der Haftanstalt. Auch hier gibt es Seminarräume. In einem sitzt ein gutes Dutzend Männer. Denn nicht alle können als Freigänger studieren. Die Kriterien dafür regelt das polnische Strafgesetz. In der Regel dürfen Insassen erst nach Verbüßen eines Drittels der Strafe Freigänge machen. Hinzukommen Kriterien wie gute Führung und die Schwere der Tat. Auch Pawel gehört zum Kreis jener, die bis auf weiteres in der Haft lernen müssen. Dennoch gefällt ihm das Studium, auch wenn er mit dem Fach Sozialarbeit zunächst wenig anfangen konnte.

„Wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich sicher ein anderes Fach gewählt, aber ich weiß nicht, ob ich dann soviel Möglichleiten hätte, wie sie mir das weite Feld der Sozialarbeit bietet. Die Professoren erkannten meine Stärken schon früh. Ich habe sie erst mit der Zeit entdeckt. Also, wenn ich die Möglichkeit bekomme, werde ich nach meiner Haft sicher Menschen helfen können.“

Eine Beschäftigung als Sozialarbeiter können Pawel und die anderen nur bei Stiftungen oder Vereinen finden, denn staatliche Stellen dürfen keine Vorbestraften beschäftigen. Dennoch hofft Projektleiterin Niewiadomska, dass diese Form der Resozialisierung künftig Schule machen wird. Und Noch-Häftling Piotr Roszkowski spricht bereits heute aus der Perspektives seines Wunschberufs.

Ich würde mir wünschen, dass man Menschen nicht durch das Prisma dessen betrachtet, was sie einmal waren, sondern auch darauf achtet, wer sie heute sind, wer sie künftig sein wollen und was sie tun. Wenn irgendwelche Häftlinge in Polen oder im Ausland mich jetzt hören: Habt keine Angst. Wenn ihr so eine Chance bekommt, dann nutzt sie. Nur das will ich euch sagen. Mehr nicht.

 

Produziert für BR 2.